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Gesellschaft

„Wir sind immer da“ – Wohnungslose und ihre Wünsche

Donnerstag, 12. Dezember 2019 | Text: Elke Tonscheidt | Bild: Elke Tonscheidt/H.M.Breer/Erzbistum Köln

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Wo schlafen, ja leben Wohnungslose eigentlich genau? Wie ergeht es ihnen gerade jetzt in der Weihnachtszeit? Und was macht die Leiterin des Vringstreffs abends unter der Deutzer Brücke? Elke Tonscheidt hat sich mit Jutta Eggeling über diese und andere Fragen unterhalten.

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Hintergrund ist eine aktuelle, im Auftrag der Stadtverwaltung von Streetworkern durchgeführte Befragung von 54 Kölner Wohnungslosen. Jetzt liegt der Abschlussbericht der Studie vor, er zeigt deutlich: Die Menschen auf der Straße sehnen sich nach Privatsphäre, einer Tür zum Abschließen und einem Schutzraum, also nach einer eigenen Wohnung, in der sie selbstbestimmt leben können.

Frau Eggeling, Sie waren auf gleich zwei Nikolausfeiern für Obdachlose – wie immer in „ihrem“ Vringstreff und nun auch zum 2. Mal unter der Deutzer Brücke. Wie kann ich mir eine solche Veranstaltung vorstellen?

Bild: H.M. Breer; Elfi Scho-Antwerpes schenkt Suppe aus

Die Nikolausfeier wurde vom Kölner Straßennetz initiiert. Wir waren im Freien unter der Deutzer Brücke – also dort, wo das Wohnzimmer von Obdachlosen ist; wo auch viele schlafen. Wir wollten da sein, wo deren Leben stattfindet. Wir waren etwa 80 Personen und es war stimmungsmäßig unglaublich schön. Wir saßen gemeinsam an einem langen Tisch, haben gemeinsam die von Elfi Scho-Antwerpes ausgeteilte Suppe gegessen, hatten viele gute Gespräche, Musik, Lagerfeuer – eine stimmungsvolle Atmosphäre und das alles vor einer Glitzer-Kulisse…

Sie meinen die glitzernde Stadt, die andere Welt. Welches Gefühl hatten Sie, als Sie da saßen und drauf schauten?
Es war alles sehr würdig und angemessen. Für uns eine sogar schöne Kulisse. Überwogen hat eben nicht das, was uns trennt. Es war einfach möglich das wahrzunehmen…

Aus Ihrer Beratungspraxis und aus zig Gesprächen mit Menschen auf der Straße vernehmen Sie auch immer wieder ein Gefühl von Ungerechtigkeit bei den Ratsuchenden, wenn es um die Lösung der Problemlagen wohnungsloser Menschen geht – im Vergleich zu der Versorgung von anderen benachteiligten Personengruppen.
Richtig. Faktisch konkurrieren Familien, Studierende, Flüchtlinge und Wohnungslose zunehmend um dieselben Wohnungen und Hilfsangebote. Auch das geht aus dem Abschlussberichte der drei Streetworker hervor, die mit 54 Menschen gesprochen haben. Sie haben gefragt, was wünscht Ihr Euch, was ist Euch wichtig? Und eben auch, was klappt nicht so gut?

Gibt es ein Fazit?
Ja. Fast alle wollten eine eigene Wohnung, einen Platz haben, wo sie hingehen, wo sie Tür hinter sich zumachen können. Sie wünschen sich ein Gefühl von Sicherheit, etwas Privatsphäre – alles, was sich „normale“ Menschen auch wünschen, was aber Obdach- oder Wohnungslose nicht erleben. Sie leben entweder draußen auf der Straße oder sind in einer Einrichtung ohne Privatsphäre untergebracht. Dort wird gerade Menschen, die in herausfordernden Situationen sind, wahnsinnig viel zugemutet.

Foto: H.M Breer, Schwedenfeuer unter der Deutzer Brücke

Erreicht ein solcher Bericht auch die Stadt, die Parteien im Rat?
Absolut. Er ist im Sozialausschuss vorgestellt worden, alle sind informiert; das ist wichtig, denn es ging mal nicht vorrangig um Zahlen, sondern um Befinden.

Weihnachten steht vor der Tür, ist das eine besonders herausfordernde Zeit?
Das fängt schon ab November an. Wenn die Tage kürzer und kälter, die Menschen schwermütiger werden…

Wir ja teilweise auch…
Genau, nur dass die meisten Wohnungslosen keine Familie und keinen festen Ort haben zum Feiern. Viele Kindheitserinnerungen werden wach, Utopien, Wünsche und Bedürfnisse. Ein bisschen schafft unsere eigene Nikolausfeier im Vringstreff diesen Rückzugsort; ein Abend wenigstens, mit kleinen Geschenken für alle. Manche würden sagen: Das ist ja total kitschig, aber für viele ist das wirklich der einzige Moment, wo sie das leben…

Wo gehen Obdachlose Heiligabend hin?
Es gibt schon Angebote. Die Stadt sammelt sie und macht sie bekannt, an unserem Aushang sieht man einige. Auch Firmen wie Rewe oder der FC Köln haben Anlaufstellen, machen Angebote, laden zum Essen ein… aber das ist immer alles nur punktuell.

Ihr Vringstreff hat den Auftrag als Beratungsstelle für Menschen mit sozialen Schwierigkeiten zu fungieren. Sie selbst arbeiten ja als Sozialarbeiterin…
Mein Team und ich nehmen hier tatsächlich viele unterschiedliche Aufgaben wahr. Ich selbst bin bereits seit 2002 hier. Ob Sozialberatung, der Mittagstisch oder andere Arbeiten – ich sage immer: Das ist der schönste Job, den man haben kann. Er gibt mir wahnsinnig viel, ich kann ganz viel bewirken. Vor allem weil wir als kleiner Verein keinem großen Dachverband unterstellt sind. Wir arbeiten sehr frei, wie selbstständig, der Vorstand vertraut mir und ich bin ganz glücklich, ein so tolles Team zu haben, das so lange zusammenarbeitet, derart eingespielt ist. Wir können uns aufeinander verlassen, das ist auch für Besucher enorm wichtig. Wir sind immer da.

Für 2020 haben Sie sich etwas Neues vorgenommen…
Ja, seit Juni 2018 überdenken wir den in Deutschland relativ neuen Ansatz Housing First. Das bedeutet ja, dass Menschen nicht erst ein komplexes System durchlaufen müssen, sondern es wird der Versuch unternommen, Menschen direkt eine eigene Wohnung, einen festen Ort zu geben. Um sie dort zu unterstützen, ihr Leben in den Griff zu bekommen.

Haben Sie bereits eine Wohnung dafür?
Wir fangen jetzt mal mit einer an. Wir konnten einen Makler gewinnen, der sucht, und wir hoffen eine zu finden – natürlich in dem Preissegment, wo wir auch mit den Mieten hinkommen werden, die von der Stadt gezahlt werden. Ich weiß, dass auch die Stadt für 2020 Neues eingeplant hat. So informiert beispielsweise Marion Heuser von Bündnis 90/Die Grünen in einem Statement für das Kölner Straßenmagazin DRAUSSENSEITER, dass ein üppiger Finanzposten in den Doppelhaushalt 2020/21 gestellt worden sei. Offenbar auch, um den Housing First-Ansatz zu unterstützen.

Das als gute Nachricht zum Schluss, ich danke Ihnen für dieses Interview!

Bild: Elke Tonscheidt. Jutta Eggeling im Vringstreff

Jutta Eggeling lebt seit 2008 in der Südstadt. Man kann den Vringstreff vielleicht auch als ihr zweites Zuhause bezeichnen. Die 1960 in Siegen geborene Macherin war persönlich sehr viel unterwegs und gibt im Vringstreff vielen Menschen ein Stück Heimat, was sie selbst auch als ihre Motivation beschreibt.

Text: Elke Tonscheidt

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Kommentare

  • Jürgen sagt:

    Die Antwort auf die Frage wo Obdachlose Heilig Abend hingehen ist zu positiv formuliert und zum Teil passt sie nicht ganz zur Frage. Die Situation vor der betroffene Menschen an und zwischen den Feiertagen stehen ist die, dass die Einrichtungen der Obdach- und Wohnungslosenhilfe entweder geschlossen sind oder ein eingeschränktes Angebot haben. Davon abgesehen das weder REWE noch der 1. FC Köln an Heilig Abend irgendwas für die Menschen auf der Straße anbieten. Wohin sollen Menschen die auf der Straße leben, wenn an Weihnachten und Neujahr vieles zu ist?

    Zu der Antwort auf die Frage was man Neues für 2020 vor hat, die Anmerkung das man hier aufpassen muss, dass einem etwas als Housing First verkauft wird was nicht Housing First ist. Wem der Begriff nichts sagt, sei empfohlen sich eine Dokumentation von ARTE (siehe https://frama.link/housingfirst-doku) anzuschauen. Vereinfacht ausgedrückt? Housing First bedeutet, die Menschen bekommen eine eigene Wohnung, mit einem Mietvertrag, bedingungslos. Das heißt? Die Annahme weiterer Beratungsangebote ist freiwillig und wenn jemand sie nicht annimmt, verliert er deswegen nicht die Wohnung.

    Alles andere, wo z. B. Bedingungen an eine Wohnung und den Mietvertrag geknüpft ist, ist nicht Housing First und darf auch nicht als solches bezeichnet werden. Es wäre in dem Fall nichts anderes als die Fortführung dessen was man zur Zeit als Betreutes Wohnen (BeWo) kennt.

  • Jutta Eggeling, Vringstreff e.V. sagt:

    Hallo Jürgen,
    ich gebe Ihnen Recht. Hier wurden nur exemplarisch ( nicht umfänglich) einige Angebote benannt, die von der Stadtgesellschaft in der Vorweihnachtszeit angeboten werden. Auch die Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe können nie ein Ersatz für Freunde oder Familie sein und somit auch nie grenzen- und bedingungslos für die Wohnungslosen da sein. Ich denke ich spreche für alle Kolleginnen und Kollegen, wenn ich sage, dass wir versuchen das an Hilfe anzubieten, was uns möglich ist. Aber auch da gibt es Grenzen.

    Was das Thema Housing First anbelangt, bin ich ganz bei Ihnen. Uns ist das Konzept von Housing First bekannt und wir werden dies auch im eigentlichen Sinne umsetzen.

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