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Gesellschaft

Waffenladen: „Aufforderung zum Unsinnmachen“

Mittwoch, 8. Dezember 2010 | Text: Betsy de Torres | Bild: Dirk Gebhardt

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Markus Heuel ist Diplom-Sportlehrer. Während seines Studiums jobbte er im Jugendzentrum Elsassstraße. Heute ist er Leiter der „Ganz offenen Tür“, kurz GOT Elsassstrasse, seit 15 Jahren arbeitet er in der Einrichtung. In letzter Zeit wird viel über das Spielzeug-Waffengeschäft an der Ecke Elsassstraße/Bonner Straße diskutiert. Wie wird das neue Geschäft bei den Jugendlichen des Zentrums angenommen? Wächst da tatsächlich eine Bedrohung für die Südstadt, wie viele vermuten?

Als erstes möchte ich gerne wissen: Wer kommt zu Ihnen in die Einrichtung? Sind das  Kinder und Jugendliche aus der Südstadt?

Ja, die meisten kommen aus der Südstadt, aus der Kolonie (Gebäudekomplex hinter der Einrichtung Elsassstraße, Anm. d. Red.), vom Stollwerckgelände und von der Bottmühle. Es ist so, dass wir meistens die Jugendlichen erreichen, die sozial weniger eingebunden sind. Sie kommen, nicht alle, aber viele aus problematischen Familien. Sie gehen eher auf die Hauptschule, Förderschule, Realschule als auf ein Gymnasium.

Wie viele Besucher kommen hierhin?
Wir haben täglich 60 bis 70 Besucher nur im öffentlichen Bereich. Davon haben über 70% Migrationshintergrund. Es sind ca. 70% Jungs, 30% Mädchen. Meistens haben sie ein anderes soziales Verhalten als viele das gewohnt sind, ihr Vokabular lässt manchmal zu wünschen übrig und ihre Art Probleme zu lösen ist nicht immer nur verbal. Für die sind wir da!

Sie haben neue Nachbarn auf der Straße, das Waffengeschäft. Wie finden Sie das?

Ich finde das mehr als bedenklich. Ich finde es, ehrlich gesagt, unmöglich, dass so ein Laden hier in der Nachbarschaft aufgemacht hat.

Wie finden die Kinder und Jugendlichen das Geschäft?
Es gibt viele, die den Laden gut finden. Wir haben gestern gefragt: Warum habt ihr vorher keinen Schlagstock gekauft? Sie antworteten: Wir wussten nicht, wo man so was kaufen kann. Jetzt wissen wir es!

Ist es wirklich so gefährlich, wie die meisten Anwohner glauben?
Ja! Gerade, weil wir viele Kinder und Jugendliche haben, die affin sind, solche Dinge zu kaufen, um dann Blödsinn zu machen. Die „Softairs“ wurden schon gekauft!
Ich hab selten so eine Aufforderung gesehen, Unsinn zu machen.

Gibt es mehr von diesen „Spielzeugwaffen“ als früher in der Einrichtung?
Auffällig ist, dass wir jetzt zwei Schlagstöcke mehr haben als vorher.

Wie alt sind die Kinder, die so was kaufen? Geben die damit an?
Einer, der einen Schlagstock hat, ist 14 Jahre alt. Doch die Pistolen, die ab 14 Jahre erlaubt sind,werden auch von jüngeren Kindern benutzt. Klar geben sie damit an.Wenn man wenig Perspektive hat, dann ist das eben ein Weg zu zeigen, „ich kann doch was. Ich bin cool!“

Wie gefährlich sind  Spielzeugwaffen?
Die „Softairs“ sind aus meiner Sicht schon gefährlich. Schlimmer aber sind Schlagstöcke, Pfefferspray, Elektro-Schocker. Wenn man fragt „Wieso hast du einen Schlagstock gekauft?“, sagen sie: „Nur zur Verteidigung!“

Sie werden als „Spielzeug-Waffen“ angepriesen. Was ist der Unterschied zwischen einer „Softair“-und ein Cowboy-Pistole?
Der Unterschied ist, dass die Spielzeug-“Softair“-Maschinengewehr-Waffen wie echte Waffen aussehen. Es gibt sicher Kinder und Jugendliche, die aus Jux und Dollerei sagen könnten, wir probieren es aus, wir überfallen mal ein Büdchen! Auf solche Ideen kommen sie. Sie wollen vielleicht nicht, dass irgendetwas schlimmes passiert und geraten außer Kontrolle. Mit den alten Cowboy-Pistolen wäre das nicht möglich.

Glauben Sie, diese Waffen sind Teil einer Gewaltverherrlichung?
Für die ist es schon cool,Waffen zu haben. Einige wollen ja auch Türsteher werden, am besten auf dem Ring… Sie sagen „Ahh, so was hätte ich auch gerne!“ Ob jetzt daraus Gewalt entsteht, dass wage ich nicht zu beurteilen. Aber ich glaube eher, dass es die Jüngeren in der Pubertät sind, die wirklich verführt werden, diese Dinge zu kaufen, um damit Unsinn machen. Wir hätten viel weniger Probleme damit, wenn dieser Laden nicht da wäre.

Wer ist dafür anfällig? Was sagen die Mädchen zum Geschäft?
Wir haben ein Mädchen, das jetzt einen Schlagstock besitzt, auch nur zur Verteidigung! Aber die Jungs sind da eher fokussiert. Die Befürchtung ist, dass Konflikte in der Zukunft mit Schlagstöcken ausgetragen werden.

Wogegen muss man sich hier in der Südstadt verteidigen?
Gegen andere Jugendliche, die einen „abziehen“ (berauben, Anm. d. Red.) wollen, sagen die Jugendlichen.

Wirklich?
Ja, am Chlodwigplatz passiert einiges, an der Bottmühle, beim Stollwerck…Wir arbeiten eng mit der Polizei zusammen. Claudio Lava hat eine tolle, präventive Arbeit gemacht. Er war für die Jugendlichen zuständig und ist da hin gegangen, wo sich die Jugendlichen treffen. Er hat mit den Familien „Gefährdungs-Ansprachen“ geführt. Viele Eltern wissen nicht, was ihre Kinder tun! Sie glauben es nicht, wenn sie gesagt bekommen, dass ihre Kinder stehlen oder Drogen konsumieren. Leider kann Herrn Lava diese Aufgabe nicht mehr ausführen, weil die Polizei völlig überlastet ist. Jetzt darf er nur noch Personen-Schutz oder Objektschutz machen. Sehr schade!

Wurde die Stelle gestrichen?
Nein. Er hat jetzt andere Aufgaben! Zum Glück haben wir noch die Streetworker.

Wofür sind die „Streetworker“ zuständig?

Die sind für die Innenstadt und den Kölner Süden zuständig und kümmern sich um Jugendliche, die von anderer pädagogische Instanzen nicht oder weniger erreicht werden. Es ist auffällig, dass die „Streetworkers“ eigentlich für die ganze Innenstadt und Teile von Lindenthal zuständig sind, aber hauptsächlich hier in der Südstadt gebraucht werden.

Finden die Jugendlichen das Geschäft noch cooler, weil es so viele gibt, die dagegen sind?
Ja, bei einigen ist es mit Sicherheit so. Das ist eine Trotzreaktion.

Sind die Kinder und Jugendlichen alle dafür?
Nein, es gibt mindestens genau so viele die sagen: „Es geht gar nicht, dass der Laden da ist! Gerade hier, wo es so viele Jugendliche gibt, die „Scheiße“ machen!“ Sie haben ein Werkzeug in der Hand,mit dem sie stärker und gefährlicher sind als vorher. Das gehört hier nicht hin! Das sagt der Großteil, aber einige sagen „Es ist nur ein „Spielzeug!…

Haben sie jetzt neue Regeln aufgestellt. Müssen sie an der Tür die Schlagstöcke, Schocker etc. im Büro deponieren?
Diese Regel haben wir schon immer, wenn jemand ein Messer in der Tasche hat, wird es abgegeben oder er geht raus.

Halten sich die Kids an die Regeln?
Ja. Eins muss ich aber klarstellen, gerade die Kinder und Jugendlichen, über die wir sprechen, die da affin sind und auf der Straße Blödsinn machen, auch die haben ihre Werte, ihre Freunde und ihre positiven Seiten. Es gibt auch viel Freude im Haus!

Wie kann man die Jugendlichen auffangen? Was machen Sie?
Das Prinzip der Arbeit ist, ein attraktives Angebot anzubieten. Zum Beispiel das Tonstudio, wo sie Rappen und aufnehmen, die Sportangebote hier und auf dem Pev-Platz (Bolz- und Spielplatz im Innenhof zwischen GOT und Zugweg, Anm. d. Redaktion), Spiele im Internet, viele Gesellschaftsspiele und Ferienfreizeiten. Das ist nur der erste Schritt. Wir haben eine kostenlose Hausaufgabenhilfe, Deutsch und Förderkurse, das Jugendbüro, wo wir die Jugendlichen unterstützen, Ausbildungsstellen zu finden und weitere Schulabschlüsse zu machen und Praktika in Ausbildung zu finden. Wir helfen ihnen bei einer attraktiven Freizeitgestaltung, beim Aufbau von Beziehungen und in schulischen, beruflichen oder privaten Dingen.

Es gibt noch eine Bedrohung, die nicht so offensichtlich ist, wie das Geschäft. Stellen die Kürzungen eine Gefahr für Sie dar?
Ja! Die städtischen Kürzungen betragen zwischen 5 und 7 %. Eigentlich müssten wir schon jetzt weniger Öffnungszeiten haben und weniger Angebote anbieten, das ginge aber leider auf die Kosten der Kinder und Jugendlichen.

Was würde mit den Jugendlichen passieren, wenn die Einrichtung schließen müsste?
Für diese Jugendlichen gibt es kaum was in der Südstadt. Sie hätten keine Förderung mehr, keine Hausaufgabenhilfe, keine Berufshilfe, die würden keine Perspektive entwickeln können.Die würden auf den Plätzen der Südstadt „rumlungern“ und auf dumme Gedanken kommen!

Wir müssen sie, mit ihrer Jugendeinrichtung hier behalten, sonst kriegen wir nur Probleme in der Südstadt.
(lacht) Oh ja, das stimmt!

 


 

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Text: Betsy de Torres

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