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Verkehr

17 und wir

Sonntag, 13. Dezember 2015 | Text: Jörg-Christian Schillmöller | Bild: Dirk Gebhardt

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Jetzt fährt sie also endlich, die neue U-Bahn, die Linie 17. „Meine Südstadt“ ist eine Stunde lang mitgefahren. Vom Bonner Wall zur Severinstraße, hin und zurück. Wir haben uns die Haltestellen angeschaut, mit Menschen gesprochen und festgestellt: Köln wäre gerne ganz groß. Dat Ding fährt, alles sieht gut aus, aber die Gefühle sind gemischt.

 

Es ist groß dort unten, es ist hell. Und es ist viel Beton. Draußen an der Kreuzung nieselt es, das Wetter am dritten Advent ist freudlos. Ich sehe vier Schilder über der Treppe, die mich hinunterbringt, unter die Stadt. Auf dem ersten Schild ein Kamerasymbol, auf dem zweiten eine durchgestrichene Flasche, auf dem dritten eine durchgestrichene Zigarette. Und auf dem vierten ein Großbuchstabe und zwei Ziffern: U 17. 

 

Die Treppe hinab, unten stehen Hermann und Elfi aus Zollstock. Hermann hat einen Fotoapparat um den Hals und fünf Minuten Zeit. „Ja, da haben sich die Architekten ein Denkmal gesetzt“, sagt er. „Ich bin erstaunt, wie großzügig das geworden ist.“ Ich frage Elfi. „Alles nackter Beton“, sagt sie. „Und so groß ist die Zeitersparnis mit der neuen Linie auch nicht. Es bleibt ein Missverhältnis“. 

 

 

Also reden wir doch gleich über Politik. „Für die Stadtentwicklung ist die U-Bahn sicher sinnvoll“, sagt Hermann. „Das hebt die Grundstückswerte an der Bonner Straße. Trotzdem halte ich das Vergabesystem bei den öffentlichen Aufträgen für fragwürdig. Immer laufen die Kosten aus dem Ruder. Es bleibt ja nie beim vereinbarten Limit.“ Und der Einsturz, das Stadtarchiv, zwei Tote? „Das ist immer noch schlimm“, sagt Elfi.

 

Tür schließt“, sagt die Frau. Wieder und wieder.

 

Ich habe es nicht eilig. Ich setze mich unten am Gleis auf eine Bank aus Metall. Neben mir sitzt ein junger Mann mit dunklem Haar. Er spielt etwas auf seinem Mobiltelefon. Er sitzt da, als hätte er nie etwas anderes getan. Er bewegt das Handy in gleitenden Bewegungen hin und her, es ist ein Geschicklichkeitsspiel, ich erkenne eine Landschaft in Grüntönen.

 

Dann spricht eine Frau neben uns. „Tür schließt“, sagt sie. Es dauert einen Moment, bis ich das verstehe: „Tür schließt“. Und wieder: „Tür schließt“. Es ist der Lautsprecher im Fahrstuhl neben mir, und irgendwie ist er kaputt. Denn die Tür geht pausenlos auf und zu, und die Frau muss darum sehr oft: „Tür schließt“ sagen. Es hat was von Beckett. 

 

Die Haltestelle „Bonner Wall“ ist tricky. Die Bahnen fahren auf beiden Gleisen in beide Richtungen. Das liegt daran, dass sie bis zur Endhaltestelle „Severinstraße“ das Gleis nicht mehr wechseln. An den Haltestellen „Chlodwigplatz“, „Kartäuserhof“ und „Severinstraße“ ist das egal: Dort liegt der Bahnsteig zwischen den Gleisen. Da kann man schnell switchen. Am „Bonner Wall“ liegen die Bahnsteigen dagegen rechts und links von den Gleisen. Da muss man vorher schauen, wo die nächste passende Bahn fährt. Gewöhnungssache.

 

Der Zug schnurrt und summt

 

Dass ich das alles weiß, verdanke ich Ralph aus Frechen. Stämmiger Typ, Pudelmütze, redselig. Mit ihm steige ich ein in die 17, die gerade von links aus dem Süden kommt. Ralph mag die neue Linie. „Für die Infrastruktur ist das gut“, sagt er. Die Bahn fährt los, wir tauchen ein in den Tunnel aus Beton. Der Zug schnurrt und summt, die anderen Kölner Linien sind lauter. Aber auf diesem Teilstück gibt es auch keine Kurven.

Ralph sagt jetzt etwas, das ich mir sofort notiere: „Der Kölner ist eigentlich kein Nörgelpitter“. Damit meint er: Die Kölner meckern zwar, aber sie üben gleichzeitig konstruktive Kritik. Sie verbinden ihr Meckern mit Vorschlägen. Sagt Ralph. Er hat viele Vorschläge. Wie man die Bahnen am Neumarkt etwas entkrampfen könnte. Wie man das Park-and-Ride ausbauen müsste. Die neuen Haltestellen findet er steril. „Das müssen sie wohl sein“, sagt er. „Dann kann man sie leichter reinigen. Und grau ist ja auch eine neutrale Farbe. Heute sind ja 80 Prozent der Autos in silbermetallic. Vor 30 Jahren waren sie noch rot, gelb und grün.“ Mein Auto ist rot, aber ich weiß, was er meint.

 

 

Ralph fragt sich auch bis heute, wie das damals geklappt hat, im März 2009. In wenigen Minuten alle Leute aus dem Stadtarchiv rauszuholen, das Gebäude kurz vor dem Einsturz zu evakuieren. „Es mag juristisch immer noch verboten sein, das zu sagen“, meint er. „Aber 99 Prozent der Menschen sind der Ansicht, dass das Stadtarchiv wegen der U-Bahn eingestürzt ist.“ Ich lasse das unkommentiert, denn ich darf das mit dem Archiv eben nicht so sagen.

 

Die schwarzen Luftballons lassen die Köpfe hängen

 

Wir sind da. „Severinstraße“. Wer hier aussteigt, sieht schwarze Luftballons. Sie hängen in einer Reihe am Straßenrand in Richtung Norden. Sie müssten eigentlich nach oben zeigen, denn sie sind mit Helium gefüllt. Sie hängen aber nach unten. Der Regen hat sie zu schwer gemacht. Die schwarzen Ballons sind von der Initiative ArchivKomplex. Es passt, dass sie die Köpfe hängen lassen.

 

Denn es gibt in der Severinstraße nicht nur ein großes Bürgerfest zu Ehren der neuen Linie 17 (von der Bühne höre ich regengedämpft das „Halleluja“ von Leonard Cohen, ich erahne eine kölsche Fassung, bin mir aber nicht sicher). Es gibt neben dem Bürgerfest auch die, denen nicht nach Feiern zumute ist. Sie sind heute auf der Straße, um klarzumachen: „Es fehlt ein Stück“. Und damit meinen sie vor allem, dass die Bahn zwischen Severinstraße und Heumarkt eben nicht fährt.

 

 

 

Für Reinhard Matz vom ArchivKomplex geht es aber auch um die Anwohner und ihre Sorgen. Um den Neubau des Stadtarchivs. Ihm fehlt vieles in Köln. Also, besser kein Bürgerfest? „Der Preis ist verdammt hoch. Das Feiern darf nicht verdecken, was hier geschehen ist. Für Köln war der Einsturz die schlimmste Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg. Und wir treten dafür ein, dass sich substanziell etwas verändert in der Stadt. Vor allem in der Mentalität.“

 

Also setzt er heute einen Gegenpol? „Ja. Die sind heute alle stolz wie Oskar bei der KVB, mit ihren Prunk- und Protzpalästen hier unter uns, mit ihren Angeberstationen.“ Pfarrer Hans Mörtter steht neben uns im Nieselregen. Auch ihm sind die schwarzen Ballons wichtig. „Wir feiern ja nicht im luftleeren Raum“, sagt er. „Hier ist 2009 auch das Vertrauen mit eingebrochen. Und wir müssen schauen, was wir daraus lernen können.“ Anders formuliert: Keine Zukunft ohne die Vergangenheit.

 

Köln wäre so gerne so groß wie die Großen

 

Ich fahre zurück Richtung Süden. Wieder schnurrt der Zug. Es geht nach Hause, unter dem Bürgerfest durch. Ich fahre wieder zum „Bonner Wall“. Da stehen vier Männer und eine Frau auf dem Bahnsteig. Einer der Männer hat ein Handy auf einem Teleskopstab dabei und filmt die Station. Alle fünf tragen Sweatshirts und Jacken mit der Aufschrift: „Aal acht Selbstschutz“. Ich google: Das ist Kampfsport und Selbstverteidigung in einem, mit Youtube-Kanal.

 

Am Ende sitze ich wieder auf dem Metallgitterstuhl und sinniere. Die neue Linie 17 erinnert mich an Paris. An die Linie 14 der Metro, die jüngste der Pariser Linien. Auch ihre Stationen sind beeindruckende Kathedralen unter Tage. Groß, hell, viel Beton. Ja, es ist ein Metropolen-Gefühl, das sich bei mir eingeschlichen hat heute. Denn das spricht deutlich aus dem vielen Beton: Köln ist Konjunktiv – es wäre so gerne eine Weltstadt. Ganz groß, ganz smart und ganz vorn mit dabei. 

 

Text: Jörg-Christian Schillmöller

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