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Politik Umwelt

50.000 am Hambacher Forst – Wir auch

Montag, 8. Oktober 2018 | Text: Stefan Rahmann | Bild: Stefan Rahmann

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Die Großdemo neben dem Hambacher Forst ist für Meine Südstadt.de Grund genug, einmal etwas weiter über den Tellerrand zu gucken. Waren ja auch ziemlich viele Leute aus dem Veedel auf dem Kundgebungsgelände. Oder standen im Auto-Stau auf der A4. Auf dem Weg zur Klima-Demo. Aber das ist eine andere Geschichte. Wer mag, kann hier lesen, wie ich den Tag erlebt habe.

Die S-Bahn war nur halb voll

Anfangs sehr entspannt. Ich stehe um halb zehn auf Gleis 11 im Kölner Hauptbahnhof. Die S11 nach Düren ist pünktlich, der Andrang mehr als überschaubar. Ich bekomme ohne Probleme einen Sitzplatz, der Platz neben mir bleibt bis Buir frei. Dass die Versammlung die späteren Dimensionen annehmen würde, kann am frühen Vormittag vor dem beschaulichen Bahnhof in Kerpen-Buir niemand ahnen. Dort erwartet uns erstmal eine Würstchenbude. Kohle kann man vielleicht stoppen, Kohldampf auf keinen Fall. In Kleingruppen wandern die Demonstranten zum Veranstaltungsgelände, das drei Kilometer vom Bahnhof neben dem Forst liegt. Mütter und Väter ziehen Kinder in Bollerwagen über die Feldwege, das Publikum ist gemischt.

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Auffallend viele junge Frauen sind barfuß unterwegs, Senioren vertrauen auf die altbewährte Trecking-Sandalen. Zwei Frauen in den Vierzigern sprechen über die Umweltfreundlichkeit von Dixie-Klos, die am Wegesrand aufgereiht stehen. Sie sind sich schnell einig: Ökologische Katastrophe. Aber die steht heute nicht zur Debatte. Dass eine der beiden ein selbst gemaltes Plakat mit der Aufschrift „Braunkohle ist Kacke“ hoch hält, passt irgendwie. Aber ich schweife ab.

Die Parolen auf den Plakaten waren mehr als eindeutig.

Die Initiativen Buirer für Buir, BUND, Campact, Greenpeace und NaturFreunde Deutschlands haben zu der Demonstration für den Erhalt und des Hambacher Forstes und für den Ausstieg aus der Kohle zur Energiegewinnung aufgerufen. Die Polizei hält sich diskret im Hintergrund. „Keinen Stress. Nur normales Volk hier“, murmelt ein Beamter aus der Einsatzleitung auf die Frage, was er für den Tag erwartet. Kundgebungsbeginn soll um zwölf Uhr mittags sein. Seit halb elf spielen Bands. Kurz nach zwölf steht Michael Müller, Bundesvorsitzender der NaturFreunde Deutschlands, am Mikrofon. „Es geht hier um viel mehr als allein den Hambacher Wald. Wir brauchen den schnellen Kohleausstieg und insgesamt das Ende des fossilen Zeitalters, denn die Menschheit ist auf dem Weg in die ökologische Selbstvernichtung. Niemand kann die Gesetze der Natur ignorieren“, sagt er zu Beginn der Kundgebung. „Passiv bleiben heißt Teil der Zerstörung zu sein“, motiviert er zu weiterem Engagement.

Ende Gelände macht sich auf den Weg.

Bei Lisbeth, Studentin aus der Südstadt, die an der Alteburger Straße wohnt, rennt er damit offenen Türen ein. Auf deren Schild lese ich „Armin, lass et“. „Es ist ein Skandal, wie unsere Politiker uns jungen Leuten die Lebensgrundlagen versauen“, schimpft sie auf den Ministerpräsidenten, der wie auch schon SPD-geführte Kabinette „lediglich Befehlsempfänger der Konzerne“ sei. Der gleichen Meinung ist auch Antje Grothus, die auf der Bühne für die Initiative Buirer für Buir spricht, am Sonntagabend bei Anne Will zu sehen und Mitglied der Kohlekomission ist, die in Berlin über den Ausstieg aus dem fossilen Brennstoff verhandelt: „Gerichte mussten durchsetzen, was eigentlich Aufgabe der Politik ist, nämlich wertvolle Natur zu schützen vor den rücksichtslosen und rechtswidrigen Plänen eines Energiekonzerns. Die Sturheit der Kohlepolitik von RWE und der Beistand der Landesregierung haben Deutschland international blamiert. Jetzt muss die Bundesregierung die letzten Reste des deutschen Klimarufs retten und den Kohleausstieg sehr ambitioniert angehen.“

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Unterdessen macht unter den Demonstranten die Nachricht die Runde, dass es auf den Anfahrtsstrecken zur Kundgebung ein Verkehrschaos gibt. Wegen des hohen Verkehrsaufkommens wurde das Autobahnkreuz Kerpen von der Polizei gesperrt. Später ein ganzer Streckenabschnitt der A4. Manfred Kreuter ist fix und fertig, als er endlich das Kundgebungsgelände erreicht hat. „Wir wurden umgeleitet und haben am Ende der Welt geparkt. Meine Frau und ich sind bestimmt zehn Kilometer bis hierhin gelaufen.“ Auch etliche Aktivisten aus der Südstadt hatten große Probleme, den Forst zu erreichen. Mit Bussen waren Demonstranten aus ganz Deutschland und dem europäischen Ausland angereist. Landwirt Ulf Allhof-Kramer aus Detmold hatte die Trecker-Demonstration mitorganisiert. 15 Bauern waren mit ihren Fahrzeugen vorgefahren. „Wir klagen an: Die Klimaverbrecher von RWE und ihre Helfer in der Politik“, donnert er ins Mikrofon. Und dann wie alle: „Hambi?“ „Bleibt!“ gibt die Menge zurück. „Hambi, Hambi, Hambi?“ „Bleibt, bleibt, bleibt!“ Das Mantra der Großkundgebung.

Alle in den Wald!

Dann war sogar die Moderatorin kurz sprachlos. „Ich bekommen gerade die Information, dass hier 50.000 Leute demonstrieren“, rief Luise Neumann-Cosel, Vorstand der Initiative Campact, von der Bühne neben dem Hambacher Forst der Menschenmenge zu. Die antwortete am frühen Nachmittag mit einem donnernden Applaus für sich selbst. „Und es kommen immer noch mehr“, fuhr Neumann-Cosel fort. Das Feld, das RWE nach anfänglicher Weigerung für die Demo zur Verfügung gestellt hat, füllt sich immer weiter. Festivalstimmung macht sich breit. Dafür sorgen auch Bands wie „Revolverheld“ und die massenerprobten Kölsch-Musiker von „Cat Ballou“. Kleinkinder mit den mittlerweile unvermeidlichen überdimensionierten Kopfhörern, junge Frauen in Batik-Röcken, Herren in Cord-Hosen, Damen in Outdoor-Funktionskleidung, erprobte Veteranen des Widerstands gegen was auch immer mit Pferdeschwanz, Rauschebart und Karo-Hemd. Es sind aber auch Rüschenblusen, kleine Sonnenschirmchen und Fächer zum Luftwedeln zu sehen. An Klischees herrscht wahrlich kein Mangel. Ob es bei uns im Block jemals so bunt wird, geht mir durch den Kopf. Friedlicher als an diesem historischen Samstag geht jedenfalls nicht.

Drei Aktivisten kündigten an, ab sofort wieder Baumhäuser zu bauen.

Mehr Beifall als alle anderen bekommt eine junge Aktivistin aus der Baumhausbauszene. Sie kündigt an, dass man umgehend wieder mit dem Bau von Baumhäusern im Hambacher Forst beginnen werde. Derweil formiert sich am Rand der Kundgebung eine Gruppe von 100 fast ausschließlich schwarz gekleideten jungen Menschen, die plötzlich losgehen und alle übrigen zu einem „Waldspaziergang“ auffordern. „Ende Gelände“ nennt sich der Zusammenschluss von Leuten, die schon seit Jahren im Forst Widerstand leisten. Und ihrem eingängigen Lied „Alle in den Wald“ und dem Slogan „Kein Baum, kein Dorf den Baggern. Hier ist Ende Gelände. #HambiBleibt“ folgen Zehntausende Kundgebungsteilnehmer in Richtung Forst. Die sieben Kleinbusse der Polizei, die kurz vorher noch am Waldeingang geparkt waren, sind plötzlich verschwunden. „Tausende Menschen haben sich schon an den Waldspaziergängen beteiligt. Auch heute wollen wir in den Wald. Wir zeigen uns solidarisch mit den Menschen aus den geräumten Baumhäusern und zeigen RWE die rote Karte. Denn der Wald gehört uns – die Kohle, die darunter liegt, muss im Boden bleiben“, erklärt eine Organisatorin der Aktion. Die Aktivisten machen sich übrigens erst auf den Weg, als ihr professionelles Filmteam den Startschuss gibt. Auch die Szene hat gelernt. Was nutzt der schönste Protest, wenn man danach die Deutungshoheit über die Bilder verliert, weil man selber keine hat? Und während die einen sich auf den Weg in den Wald machen, um dort erste Barrikaden zu bauen und mit dem Baumhausbau zu beginnen, begegnen Demonstranten, die erst am späten Nachmittag das Kundgebungsgelände erreichen, den ersten Protestlern, die auf dem Heimweg sind.

Und da ist er dann: Der Wald von Hambach. Na ja, das, was von ihm noch übrig ist.

Ein großer Tag für die Braunkohlegegner. Ich sitze ein wenig benommen in der Bahn nach Hause. Ich hatte Glück. Drei Minuten nachdem ich am Bahnhof angekommen war, kam die S-Bahn. Ich stand dritte Reihe, bin aber noch reingekommen. Stehplatz entspannt. Mit dem, was an diesem Tag passiert ist, habe ich nicht gerechnet. Der Protest gegen die Braunkohle ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Oder geht es um viel mehr? Richtet sich der Protest auch gegen die Konzerne, die ihre Macht meist mit Hilfe der Politik gegen den Willen von immer mehr Menschen durchsetzen? Ist der Hambacher Forst etwa der Anfang vom Ende der Politikverdrossenheit und Demokratiemüdigkeit? Wir bleiben dran.

Text: Stefan Rahmann

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