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Gesellschaft Kultur

Der Mullah, die Geschiedene und der Taxifahrer

Freitag, 5. August 2011 | Text: Reinhard Lüke | Bild: Tobias Dahm

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Über die politischen Verhältnisse im Iran sind wir halbwegs informiert, aber über den Alltag der Menschen dort weiß man hierzulande herzlich wenig. Schon gar nicht, wenn es um Fragen der zwischenmenschlichen Beziehungen und Sex geht. Sudabeh Mortezais unbedingt sehenswerter Dokumentarfilm „Im Bazar der Geschlechter“ eröffnet überraschende, manchmal erschreckende, aber oft auch amüsante Einblicke in eine Parallelwelt zwischen Koran und Beischlaf, in der vor allem eine staatlich verordnete Doppelmoral regiert. Sudabeh Mortezai war zur Premiere ihres Films am vergangenen Mittwoch im Odeon zu Gast. Reinhard Lüke hat sich von ihr aufklären lassen.
 

Meine Südstadt: Sie sind im Iran geboren, in Österreich aufgewachsen und haben an der Filmhochschule in Ludwigsburg studiert. Wie lief das im Einzelnen?
 Subadeh Mortezai: Ich habe mit meinen Eltern bis zu meinem 12. Lebensjahr im Iran gelebt. Danach ist meine ganze Familie nach Österreich übergesiedelt. Inzwischen habe ich auch die österreichische Staatsbürgerschaft. Also, eigentlich keine große Sache.
 
Hatten Sie nach ihrer Übersiedlung regelmäßig Kontakte in Ihr Heimatland?
Natürlich. Dort leben noch immer viele Verwandte, die wir regelmäßig besucht haben.
 
Wie frei kann man sich denn als Filmemacherin in diesem Land bewegen? Wurden Sie bei der Arbeit von einem Aufpasser auf Schritt und Tritt begleitet?
Überhaupt nicht. Wir haben offizielle Drehgenehmigungen einholt, mit einem iranischen Team gearbeitet und hatten auch die Unterstützung des iranischen Dokumentarfilm-Verbandes. Damit konnten uns sehr frei im Land bewegen. Zumindest 2008, als wir dort gedreht haben.
 
Das heißt vor der Niederschlagung der Demokratiebewegung und den letzten, mutmaßlich gefälschten Wahlen…
Genau. Danach hat sich, was die Freiheiten angeht, vieles zum Schlechteren verändert. Gut möglich, dass der Film heute im Iran so nicht mehr machbar wäre.
 
In Ihrem Film gibt es mit dem ledigen Taxifahrer, der geschiedenen Frau und einem Mullah drei Hauptprotagonisten, die sich zu Beziehungsfragen und Sexualität im Iran äußern. Wie haben Sie die gefunden?
Ganz unterschiedlich. Den Taxifahrer kannte ich schon länger, weil er bereits bei früheren Filmen als Fahrer für mich gearbeitet hatte. Nach der geschiedenen Frau habe ich lange gesucht und ich war fast schon so weit, das Projekt abzubrechen, bis ich sie dann endlich getroffen habe. Mit dem jungen Mullah gab es hingegen keinerlei Schwierigkeiten. Ich habe ihn in der Cinemathek in Teheran getroffen. Er interessiert sich sehr für Filme und war schnell bereit, in der Dokumentation mitzuwirken.
 
Haben sich die Mitwirkenden mit ihren Aussagen in Gefahr gebracht?
Ich denke nicht. Natürlich muss man im Iran gewisse Grenze beachten, wenn es beispielsweise um dezidierte Kritik an der Regierung geht. Aber daran haben wir uns auch penibel gehalten.
 
Es gibt ja inzwischen auch in Europa sehr erfolgreiche Spielfilme aus dem Iran, die sich mit Beziehungsproblemen beschäftigen wie etwa „Nader und Simin – Eine Trennung“ von Ashgar Fahadi. Aber im dokumentarischen Bereich spielte das Thema bislang kaum eine Rolle. Dabei überrascht, wie offen und teilweise sehr pragmatisch die Menschen in Ihrem Film über Sexualität sprechen….
Was das betrifft, ist die Situation im Iran seltsam ambivalent. Auf der einen Seite gibt es in der Öffentlichkeit allerlei Ver- und Gebote wie etwa den Schleierzwang für Frauen, aber in den eigenen vier Wänden wird über diese Themen ziemlich offen geredet. Daneben gibt es selbst im Staatsfernsehen Ratgeber-Sendungen, in denen Geistliche explizite Fragen zu Sexualität beantworten. Das gehört zu den vielen Widersprüchen der iranischen Gesellschaft. Dass meine Protagonisten so offen mit mir gesprochen haben, brauchte natürlich schon eine gewisse Vorbereitungszeit, in der ich ihr Vertrauen gewonnen habe. Vor allem bei der Geschiedenen und ihren Freundinnen hat das lange gedauert.
 
Das Phänomen der Zeitehe, in der zwei Menschen über einen bestimmten, von ihnen selbst gewählten, Zeitraum eine Art eheliche Partnerschaft eingehen können, spielt in Ihrem Film eine zentrale Rolle. Gibt es diese Einrichtung im gesamten Islam?
Nein. Die existiert nur bei den Schiiten, während die Sunniten sie strikt ablehnen und sie als Form der Prostitution verurteilen. Aber im Iran ist die Zeitehe gang und gäbe und sogar im Zivilen Recht verankert.
 
Wenn so eine Ehe minimal für eine halbe Stunde geschlossen werden kann, liegt der Gedanke an Prostitution ja nicht fern…
Oder an einen legalen One-Night-Stand. Aber so kurze Fristen sind die große Ausnahme. Schließlich muss man dazu eine Menge Formulare ausfüllen und sich von einem Mullah amtlich trauen lassen. In der Regel laufen diese Zeitehen über ein oder mehrere Jahre. Das Ganze hat mehr Ähnlichkeit dem Mätressentum. Männer, die es sich finanziell leisten können, halten sich neben der Ehefrau auf diesem Weg eine legale Geliebte.
 
Ich nehme an, Frauen ist dieser Weg verschlossen. Also ein rein patriarchalisches Modell?
Absolut! Und mit der vorgeschriebenen materiellen Versorgung der Geliebten ist es auch nicht weit her. Es ist eher ein klassisches System der Ausbeutung. Es gibt zwar auch einige Frauen, die so eine Zeitehe nach einer Scheidung ganz praktisch finden, weil sie keine Lust haben, sich noch einmal langfristig zu binden, aber diese Fälle sind eindeutig die Ausnahme.
 
Wie ist den der Status von verwitweten oder geschiedenen Frauen im Iran. Manche Aussagen im Film lassen vermuten, dass er unter dem eines Gebrauchtwagens liegt…
Da auch etwas dran. Da die wenigsten von ihnen selbst gearbeitet haben, sind sie nach dem Tod des Partners oder einer Scheidung weitgehend mittellos und werden von den Männern quasi als Freiwild betrachtet. Die Chance, noch einmal eine normale Ehe einzugehen, ist ihnen weitgehend verwehrt. In gebildeten, liberaleren Schichten sieht das etwas anders aus, aber für die meisten Geschiedenen sind die Perspektiven alles andere als rosig.
 
Ich gestehe, mir war auch nicht klar, dass es im Iran im öffentlichen Leben viele Bereiche gibt, in denen Männer und Frauen strikt voneinander getrennt bewegen müssen. So gibt es in Teheran eigene U-Bahn-Waggons für Männer und Frauen…
Auch das ist wieder so ein Paradox. Fast alle öffentlichen Gebäude haben getrennte Eingänge für Männer und Frauen, in Bussen gibt es eine klare Trennung, während es sich in der U-Bahn auf eigentlich schon vermischt. Nur der erste und letzte Waggon eines jeden Zuges bleiben ausschließlich Frauen vorbehalten. Offiziell, um sie vor Belästigungen durch männliche Fahrgäste zu schützen. Als ich mit dem Film in Mexiko war, habe ich erfahren, dass es dort in der U-Bahn genau so abläuft. Was die Frauen dort auch völlig in Ordnung fanden. Auch im Iran ist sexuelle Belästigung in der Öffentlichkeit durchaus ein Thema.
 
Aber die geschiedene Frau und ihre Freundinnen kommen in ihrem Film, wenn ich an die Szenen im Schönheitssalon denke, total stark und selbstbewusst rüber. Und manchmal geht es da sogar überaus heiter zu.

Die müssen ja auch stark und taff sein, um ihren Alltag zu bewältigen.
 
Inwieweit lassen sich denn Jugendliche überhaupt noch von den rigiden Regeln des Islam leiten?
In den Großstädten kaum noch. Sie leben ihre Sexualität zunehmend frei aus. Es ga jüngst eine Umfrage im Iran, in der viele Mädchen angaben, ihre ersten sexuellen Kontakte mit 13 gehabt zu haben. Gleichzeitig ist das Heiratsalter in den letzten Jahren merklich nach oben gegangen. Was ja nichts anderes heißt, dass es bei Jugendlichen durchaus ein Sexualleben außer der Ehe gibt.
 
Das aber im Verborgenen stattfinden muss…
Natürlich. Ein nicht verheiratetes Paar wird im Iran weder eine eigene Wohnung noch ein gemeinsames Hotelzimmer bekommen.
 
Ihr Film hält sich ja nicht sklavisch ans Dokumentarische, denn einige Szenen wirken durchaus inszeniert. Zufällig hätten sich die drei Protagonisten doch vermutlich nie getroffen.
Natürlich ist der Film keine rein beobachtende Dokumentation, sondern er enthält auch deutlich sichtbar Inszenierungen, die allerdings – und das ist mir wichtig- nicht gescripted sind. Ich treffe Arrangements und bringe Menschen zusammen. Aber was dann in dieser Situation passiert, ist absolut nicht vorhersehbar. Ich halte diese Methode im Dokumentarischen für absolut legitim.

 

„Im Bazar der Geschlechter“ ist derzeit im Odeon zu sehen.

Text: Reinhard Lüke

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