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Kultur

Die drei Tode des Glockengießers

Montag, 29. September 2014 | Text: Gastbeitrag | Bild: Stefan Schmiedel

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Warum macht sich eine 50köpfige Gruppe Südstädter auf die Reise ins Kloster Maria Laach? Um dabei zu sein, wenn die drei neuen Glocken für den Turm der Lutherkirche gegossen werden! Damit wäre nach mehr als hundert Jahren so gut wie vollendet, was 1906 geplant, aber nie ausgeführt wurde: den Kirchturm mit insgesamt sechs Glocken zu bestücken und ihren Klang mit dem der anderen Kölner Glocken zu vereinen.

Die Vorfreude ist groß und je näher der Bus dem Kloster kommt, desto mehr steigt die Spannung. Was erwartet uns im Kloster? Wir wissen nur, dass der Glockengießer, Bruder Michael, uns um 14.30 Uhr am Bronzeengel vor der Kunsthandlung abholen wird. Genauso wie eine ebenfalls 50köpfige Gruppe aus Bayern, deren Glocken zusammen mit unseren gegossen werden. Wie das vor sich geht, darüber kursieren die unterschiedlichsten Gerüchte, bis jemand mit wissendem Lächeln Schiller zitiert: „Fest gemauert in der Erden, steht die Form, aus Lehm gebrannt…“  Aha? Na, lassen wir uns mal überraschen.

Bruder Michael ist pünktlich vor dem Bronzeengel zur Stelle und lädt uns ein, ihm auf der „Straße der Mühsal“ in die Gießerei zu folgen. Entlang dieser Straße liegen die meisten Handwerksbetriebe des Klosters wie Schreinerei, Keramik-Werkstatt und Kunstverlag, die in aufwändiger Handarbeit wunderschöne Objekte fertigen.

Endlich, die Gießerei ist erreicht und wir erblicken eine riesige Halle, deren Tore weit offen stehen. Absperrungen sorgen dafür, dass niemand zu nahe an den Ofen kommt, in dem das Metall geschmolzen wird. Von den Glocken-Formen, bestehend aus groben und feinen Lehmschichten, die auf einen Kern aufgetragen und ummantelt werden, ist nichts zu sehen. Sie sind tatsächlich tief in eine Grube eingegraben, durch die sich ein verzweigter Kanal zieht. Noch ahnt niemand so recht, was nun kommen mag, da beginnen auch schon die Vorbereitungen. Bruder Michael und seine Gehilfen streifen sich feuerfeste Schutzkleidung über und öffnen das Ofen-Tor. Schlagartig wird es in der Halle geradezu höllisch heiß, aus dem Ofen schlagen glühende Funken und dann schieben die Männer eine Platte Kupfer und Zinn nach der anderen in den Ofen. Nachdem sie diese Arbeit beendet haben und ihre Helme wieder absetzen, kommen schweißnasse, hochrote Köpfe zum Vorschein. Zu beneiden sind sie wirklich nicht, eher zu bewundern, dass sie auch heute noch, wie vor Jahrhunderten, nach traditioneller Art Glocken gießen. Achtzig bis hundert sind es pro Jahr und insgesamt hat Bruder Michael bisher 1.300 Glocken mit eigener Hand gegossen.

 

Immer wieder wird die Ofen-Tür geöffnet, halten wir den Atem an und sehen gebannt zu, wie baumlange Äste und mannslange Eisenstangen, geformt wie Suppenlöffel, durch brodelndes Metall rühren. Es riecht nach verbranntem Holz, Rußpartikel fliegen durch die Luft, aber noch dauert es, bis die Bronze-Legierung die 1.175 Grad erreicht hat, die sie benötigt, um in die Formen genossen zu werden.
Als Bruder Michael schließlich verkündet: „Wir haben die Temperatur erreicht!“, ist es so weit. Die beiden Pfarrer, der bayrische im Talar, Südstadt-Pfarrer Hans Mörtter ganz leger, sprechen mit allen Versammelten ein Gebet, an das sich „Großer Gott, wir loben dich…“ anschließt. Ein feierlicher Moment. Und dann wird es ganz still, denn Bruder Michael und seine Gehilfen beginnen mit ihrem Werk. Kräftige Hammerschläge öffnen den Abfluss, durch die schmale Rinne fließt glühend heiße, flüssige Bronze in den Kanal. Die erste Form, die sich langsam füllt, ist die einer Südstadt-Glocke. Faszinierende Bilder, an Lavaströme erinnernd, die sich unaufhaltsam ihren Weg bahnen. Sobald eine Form vollständig gefüllt ist, steigt eine Feuersäule auf und sogleich wird der nächste Schieber im Kanal hochgezogen, das Metall ergießt sich in eine weitere Form.

Schließlich ist auch die letzte Glocke gegossen, Bruder Michael bittet noch einmal um unsere Aufmerksamkeit. Dass seine Arbeit nicht ganz ungefährlich und er nicht nur ein Könner seines Faches ist, sondern auch über eine gehörige Portion Humor verfügt, stellt er mit einer kleinen Anekdote unter Beweis: „Heute ist ja alles gut gegangen, doch wir hatten auch schon mal eine kleine Verpuffung. Da hat’s gespritzt und eine ältere Dame hat etwas abbekommen. Sie meldete sich telefonisch, wollte von der Versicherung ein neues Jackett und eine neue Bluse haben. Sonst nichts, denn: Was darunter kaputt ging, so sagte sie, darauf kommt’s in meinem Alter nicht mehr so an.“

Unvermittelt aber wird er ernst: „Ein Glockengießer stirbt über seine Arbeit drei Tode. Den ersten Tod habe ich heute überlebt. Das ist nämlich die bange Frage: hält die Gießform? Ein einziger Haar-Riss könnte alles zerstören, das Metall würde weglaufen. Aber die Form war dicht, mir ist der erste Stein vom Herzen gefallen. Der zweite Tod droht beim Ausgraben der Glocken. Das machen wir in einer Woche, wenn die Form ausgekühlt ist. Dann stellt sich die Frage: wie sieht die Glocke aus? Ist der Guss gelungen? Sind die Verzierungen schön rausgekommen? Wenn alle Buchstaben da und keine Schäden feststellbar sind, fällt mir der zweite Stein vom Herzen. Der dritte Tod lauert beim ersten Anschlag: klingt die Glocke und klingt sie auch richtig? Sobald wir das festgestellt haben, fällt mir der dritte und letzte Stein vom Herzen. Wenn ich alle diese Tode überlebt habe, dann sind Sie an der Reihe. Dann können Sie schon mal das Fest planen, mit dem die neuen Glocken eingeweiht werden.“

 

Was zum Glockenfest am 26. Oktober in der Lutherkirche zu erwarten ist, will Pfarrer Mörtter auf der Rückreise noch nicht verraten, nur eines ist sicher: die neuen Glocken werden in der Kirche stehen, zum Ansehen und zum Anfassen, bevor sie endgültig in den Glockenstuhl gehängt werden. Das Geläut der dann insgesamt sechs Glocken wird sich nicht lauter, sondern runder und schöner anhören, so Mörtter. Der Gedanke, dass unsere Südstadtgruppe die Geburtsstunde dreier Glocken erleben durfte, die bei jedem Läuten auch die Unvergänglichkeit verkünden werden, setzt ein großes Ausrufezeichen ans Ende eines Tages mit fesselnden Eindrücken, die niemand jemals vergessen wird.
 

 

 

Die Autorin Alida Pisu, eigentlich waschechte Ruhrpöttlerin, fühlt sich seit vielen Jahren in der Südstadt zu Hause. Nach ihrem Studium der Theaterwissenschaft arbeitete sie an verschiedenen Kölner Theatern, schrieb für Künstler Kabarett-Programme und hatte auch ein eigenes Literatur-Programm. Sie ist im Team der Lutherkirche als Presbyterin tätig und gestaltet dort regelmäßig Gottesdienste.

 

 

Glockenfest am 26.10.2014 um 11:15 bis 21:00 ?
Gemeindefest zur Einweihung drei neuer Glocken für den Lutherturm mit Live Musik, Film, Kinderaktion, Essen und Trinken nach dem Gottesdienst und den 3 neuen Glocken ??Musikprogram von 14-21 h ?u.a. mit Richard Bargel, Mariana Sadovska, The Moriartees, LUNA, De Famillich, Markus Reinhardt Ensemble (angefragt), Dime Chime, Kozmic Blue u.a. ? Specksteinworkshop für die Kids mit Bildhauerin Silke Speckenmeyer?Film über das Glockengießen.

Eintritt frei!

Text: Gastbeitrag

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