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Kultur

Die Erinnerungslücke

Mittwoch, 30. Januar 2013 | Text: Nora Koldehoff | Bild: Tamara Soliz

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Der Einsturz des Stadtarchivs und seine Folgen bleiben auch vier Jahre nach der Katastrophe ein Streitpunkt in der Stadt. Zum Glück, finden viele. Denn genau das sei auch notwendig: Die Erinnerung sollte nicht zugeschüttet werden oder in einer Schublade eines neuen Archivs verschwinden. Sie müsse in der Stadt sichtbar und spürbar bleiben.

Viele Kölner möchten an der Frage beteiligt werden, wie die Zukunft des Geländes am Waidmarkt aussieht. Im Juli 2011 fand darum auf Druck der Bürger-Initiative STATT-ARCHIV ein von der Stadt organisierter Workshop statt. Dessen Ergebnisse sollten dann eigentlich in die Planungen und Wettbewerbsvorgaben des Bebauungsplanes einfließen.

Was aber daraus wurde und wird, bleibt wieder intransparent. Mit dem Workshop schien für die Stadt das Thema Bürgerbeteiligung abgehakt zu sein – so jedenfalls musste man empfinden, was folgte: Eine Informationsveranstaltung nach der Einreichung der Wettbewerbsbeiträge wurde wieder abgesagt. Auch zur Ausstellungseröffnung selbst, bei der die teilnehmenden Architekten hätten befragt werden können, wurde nicht eingeladen. „Wir erfuhren erst nachher davon, “ berichtet die Künstlerin und Nachlassgeberin Dorothee Joachim, „weil Peter Busmann – ebenfalls Architekt und aktiv bei ArchivKomplex – zufällig während der Eröffnung im spanischen Bau des Rathauses vorbeikam.“

Dorothee Joachim nahm an dem zweitägigen Workshop teil. Sie verfasste in der Nacht zwischen den beiden Tagen einen Aufruf. Dieser Appell führte zur Gründung der Initiative ArchivKomplex. Ihr Grundgedanke sprach viele an: Der Ort sollte eben nicht durch eilige Planung eine neue Bestimmung erhalten. Vielmehr sollte der Zeit an dieser Stelle Raum gegeben werden: Eine Wunde, die in der Stadtgeschichte nicht heilt, wenn sie nur notdürftig verbunden wird, sollte eine sichtbare Wunde bleiben und erst in einem gemeinschaftlichen und respektvollen Umgang zuwachsen. Andere Arbeitsgruppenmitglieder, Künstler, Architekten, Autoren, Anwohner, Interessierte schlossen sich an und suchten den Austausch.

 


Wettbewerb „Erweiterung des Gymnasiums Kaiserin-Augusta-Schule und? städtebauliche Entwicklung des Georgsviertels“. 1. Preis: ZILA, Leipzig, mit LTHX, Dresden. Die rote Linie markiert den Wohnblock an der Einsturzstelle mit dem „Ort der Erinnerung“.

 

Ob der seinerzeit von der Stadt mit initiierte Workshop tatsächlich irgendwelche spürbaren Auswirkungen auf den Wettbewerb hatte und vor allem die Umsetzung haben wird, bleibt indes ungewiss. Die Wettbewerbsordnung gebe vieles bereits vor, erklärte die Architektin Christl Drey aus der Jury bei der Diskussionsveranstaltung von ArchivKomplex Mitte Januar. Inzwischen sind die Beiträge zur Ausschreibung  längst eingegangen, und die Jury kürte einen Entwurf zum Sieger, der nach Meinung vieler Aktivisten einen Affront für die Bedürfnisse der Bevölkerung darstellt. Wie die meisten Entwürfe sieht auch der Erstplatzierte eine Blockrandbebauung an der Severinstraße vor. Ein „Gedenkgarten“ liegt verborgen in einem Innenhof, und der Innenhof ist durch einen Durchgang zugänglich, also durch eine Lücke im Blockriegel zur Straße hin.

„Mind the gap“

Positiv hervorzuheben an dem Entwurf, der das Rennen machte, sei – so Prof. Andreas Kaiser, der Vorsitzende des Kunstbeirates der Stadt Köln und Mitglied der Jury – dass er sich überhaupt mit dem Ort des Gedenkens im öffentlichen Raum auseinandersetze und nicht mit einer fertigen Lösung für diesen Ort aufwarte, sondern über der Unterführung ein Platzhalter eingefügt ist, dessen Form und endliche Größe noch festzulegen sind. Das Bauwerk solle in jedem Fall schon durch Form und Höhe hervorstechen, aber durch die Platzhalterfunktion noch Raum geben für sich bis dahin entwickelnde Ideen für eine angemessene Form und Umsetzung eines solchen Ortes.

Dorothee Joachim vom ArchivKomplex./ Foto: Barbara Siewer

 

Dennoch bleibt nach Ansicht der Aktivisten von ArchivKomplex das Problem der Blockrandbebauung mit nur einer Tordurchfahrt-ähnlichen Unterführung, die nicht unbedingt dazu einlädt, das Innere des neuen Blocks zu betreten. Auch ist die Straße nicht mit einbezogen, was ursprünglich aber der Fall sein sollte.

Die Erklärung der Initiative, die eine ganz neue Beschäftigung mit dem Einsturzort und die Trennung der Interessen Schulausbau/Wohnraum und Gedenkort fordert, haben bereits mehr als 180 Menschen unterschrieben. Unter ihnen sind Intendantin Karin Beier, Historiker Martin Stankowski, und Schriftsteller Dieter Wellershoff.  „Wir wollen überhaupt nicht mit fertigen eigenen Ideen auftrumpfen“, bekräftigt auch Bea Brunner, die für ArchivKomplex den Internetauftritt gestaltet, „oder unser eigenes Ding durchboxen. Doch dass die Bedürfnisse der betroffenen Bevölkerung negiert werden, ist für viele einfach unverständlich.“

Tatsächlich ist nicht nachvollziehbar, warum jetzt schon Entscheidungen für den Ort des Gedenkens getroffen werden sollten. Gerade erst haben die zuständigen Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) mitgeteilt, dass die Beweisaufnahme für die Ursachen der Einsturzkatastrophe nun erst frühestens 2014 beginnt und die Neugestaltung des Georgs-Viertels entsprechend spät umgesetzt werden kann. Der Krater selbst, der bis vor kurzem noch besichtigt werden konnte, gilt von nun an als Tatort und ist gesperrt.

 

„Gefahrenquelle Infotafeln“? / Foto: Tamara Soliz

 

So lang sind es ausschließlich die Aktivitäten der Initiative, die am Waidmarkt die Erinnerung wach halten: Projekte, die zeitweise einen Ort des Gedenkens begründeten, Performances und Fotoausstellungen.

Zur Zeit hängen noch die 24 Tafeln des Fotografen, Künstlers und Autors Reinhard Matz am Bauzaun, die je einen Satz zum Einsturz des Stadtarchivs enthalten. Im letzten Jahr hatte die Arbeitsgemeinschaft der Baufirmen (Arge), die zur Zeit noch Bauherrin ist, sie zwischendurch abhängen lassen, da sie durch die Menschentrauben, die sich um sie bilden würden, die Verkehrssicherheit behindern würden. Nach entsprechendem Protest wurden sie wenige Wochen später wieder angebracht. Nun hat die Stadt Köln allerdings angekündigt, dass sie am 1. Februar endgültig entfernt werden, erneut aus dem Grund, dass die Arge die Verkehrssicherheit gefährdet sehe. Die Initiative ArchivKomplex lädt dazu ein, an diesem Tag um 11 Uhr zum Bauzaun zu kommen und die Abhängung zu begeiten.

Das Bedürfnis nach einem Ort des Gedenkens ist aber vorhanden. Nicht nur innerhalb der Initiative.

So berichtete die Mutter eines ehemaligen Schülers des benachbartenFriedrich-Wilhelm-Gymnasiums, der seinerzeit vom Klassenzimmer aus den Einsturz beobachtet hatte, dass ihr Sohn, zu Besuch in Köln, gern zum Einsturzort gehen wollte. Als er dort stand, sei der junge Mann froh gewesen, dass wenigstens die Tafeln auf die Katastrophe hinwiesen und damit ein, wenn auch temporäres, Denkmal bildeten.

Text: Nora Koldehoff

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