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Kultur

Die haben alles gegeben…

Dienstag, 12. Mai 2015 | Text: Alida Pisu | Bild: ©Meyer Originals

Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten

Sie tragen Namen wie Jonas, Nico, Sherwin, Chandrika, Lara oder Rhonda: insgesamt siebzehn höchst unterschiedliche Menschen bilden ein Ensemble, das im Bürgerhaus Stollwerck mit seiner Theaterperformance „Schrei mich an“ eine beeindruckende Premiere feierte. Ihren Mut zur Authentizität kann man dabei gar nicht genug bewundern, denn schnell wird klar: Was auf der Bühne zu sehen ist, das ist keine Fiktion. Hier geht es für alle ums Eingemachte, um die Themen und Traumata, die sie im Innersten umtreiben. Um ihre Wünsche und Visionen und die absolute Einzigartigkeit, die jede/n von ihnen auszeichnet.

Das kann tragisch-komische Züge annehmen wie bei der Frau, die sich nicht zugehörig fühlt, sich aber immer danach gesehnt hat, so zu sein wie die anderen, um keine Außenseiterin zu sein. Ausgerechnet an Karneval, während sie als Schaf verkleidet durch die Stadt geht und dabei vielen anderen Schafen begegnet, erfährt sie erstmalig dieses Gefühl der Zugehörigkeit, das sie beglückt.

Es kann auch unterhaltsam sein, wenn zwei Jungs sich über Mädels unterhalten und der eine dem anderen offenbart, dass er sich nicht traut, sie anzusprechen. Seiner Schüchternheit kann durch das Zauberwort „Hallo“ abgeholfen werden. Und wenn sie dann im Crashkurs, „Hallo“ übend, die im Publikum vertretene Damenwelt ansprechen, fliegen ihnen nicht nur die Herzen zu, auch die eine oder andere Telefonnummer dürfte Lohn ihrer Mühe gewesen sein.

 

Foto: ©Meyer Originals

Solche Szenarien wechseln sich ab mit tiefer gehenden. Kaum auszuhalten ist die Episode, in der man einen schlanken, von einer Aura der Unschuld umgebenen Mann im Schweinwerferlicht stehen sieht. Eine Stimme aus dem Off erzählt die Geschichte des kleinen Jungen, der sich als ein ständig hin und her geschobener Gegenstand fühlte. Vom betrunkenen Stiefvater tagtäglich schwer misshandelt, hatte er mit neun Jahren bereits fünfzehn unterschiedliche Heimaufenthalte hinter sich gebracht.

 

Eine todtraurige Geschichte, über die man weinen könnte, aber dann schluckt man die Tränen doch hinunter, denn der Mann, der dort so mutterseelenallein steht, antwortet auf die Frage, was der Junge heute mache: „Er ist Foto-Künstler und lebt in Köln. Und er ist ganz neugierig auf sich und die Menschen seiner Stadt.“ Einer der Momente, an die man sich noch lange erinnern wird. Weil Geschichten eben nicht eine unabänderliche Zwangsläufigkeit haben. Weil Menschen trotz widrigster Umstände eine Kraft in sich entwickeln können, die sie nicht verzweifeln, sondern um ihr Leben kämpfen lässt. Weil es einfach gut tut und sehr befreiend ist zu sehen, dass aus einem misshandelten Jungen ein selbstbewusster Mann werden kann.

Und überhaupt: man kann nur den Hut ziehen vor all der Tapferkeit, mit der Menschen ihr Leben einerseits aushalten, andererseits es zu gestalten und ihm nicht ausgeliefert zu sein versuchen. Auch wenn alle Darsteller in ihrer Suche nach, in ihrem Ringen um, immer wieder an ihre Grenzen stoßen, kann man nicht anders, als sie allesamt, so kitschig es auch klingen mag, lieb zu haben und ihnen in all ihrer Begrenztheit, tiefsten Respekt zu zollen. Denn sie wollen und hoffen und sehnen sich. So wie du und ich.

Obwohl die Inszenierung aus den Biographien ihrer Mitwirkenden gespeist wird, ganz so einfach kann der Zuschauer es sich aber dann doch nicht machen. Letztlich sind Fragen wie: „Wer bin ich? Was bin ich?“, die in der Performance gestellt werden, auch jedermanns und jederfraus Fragen. Sie beinhalten auch unseren Blick auf andere Menschen und wie wir sie sehen. Niemanden kann es unberührt lassen, wenn Rhonda, die der Performance auch den Titel gegeben hat („Schrei mich an, ich hör sonst nichts mehr. Den Wind draußen hör ich nicht mehr, aber ich seh den Wind in den Bäumen.“), von ihrem Leben als Obdachlose berichtet: „Die meisten Bürger schätzen uns für wertlos und verachtungswürdig ein.“ Wer auch nur einigermaßen ehrlich ist, kann nicht umhin zuzugeben, dass es exakt so und nicht anders ist. Und dafür weitet der Abend den Blick. Ganz schnörkellos und unprätentiös.  

 

Foto: ©Meyer Originals

So wie der Bühnenraum, der mit einer Wand aus weißen Würfeln sowie einem überdimensionalen Fenster spärlich bestückt ist. Mehr braucht’s aber auch nicht, sind doch einige Würfel mit wenigen Handgriffen anders positioniert und bilden die verschiedensten Requisiten. Und die Wand wird zur Leinwand umfunktioniert, über die im Verlaufe des Abends Videos flimmern, die jeden der Darsteller in seinen speziellen Lebensumständen zeigen. Ein guter Kunstgriff der Regisseurin Marita Ragonese, der die einzelnen Szenen miteinander verbindet.

Standing Ovations für ein Ensemble, das den Mut hat, sich ohne Masken zu zeigen. Und für eine Regie, die es geschafft hat, behutsam zu inszenieren, ohne jemanden bloßzustellen. Und ein Danke an alle Darsteller, dasS sie so sind, wie sie sind. Einfach nur liebenswert. Um eine Zuschauerin zu zitieren: „Die haben alles gegeben. Ihr Herz und ihre Seele.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

 

 

„Schrei mich an“

Regie: Marita Ragonese
Bürgerhaus Stollwerck, Dreikönigenstr. 23, 50678 Köln

 

Text: Alida Pisu

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