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Bildung & Erziehung Kultur

Ein Vorbild mit menschlichen Kratzern

Mittwoch, 19. Oktober 2011 | Text: Stephan Martin Meyer | Bild: Dirk Gebhardt

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Die Redaktion von „Meine Südstadt“ trauert um einen großartigen Menschen. Am Mittwoch Morgen ist Jean Jülich im Alter von 82 Jahren gestorben.

Während des Nationalsozialismus gehörte Jean Jülich zu den Edelweißpiraten, die sich gegen die Diktatur auflehnten. Er beteiligte sich an gewagten Aktionen, die das NS-Regime ins Wanken bringen sollten und wurde aus diesem Grund 1944 von der Gestapo verhaftet und gefoltert. Die Vorwürfe der Gestapo stempelten ihn zu einem Kriminellen ab – ein Stigma, von dem er erst 2003 rehabilitiert wurde. Nach dem Krieg machte er sich als Gastronom selbstständig, unterhielt die Severinstorburg und die Mülheimer Sporthalle. Geehrt wurde er schließlich 1984 von der Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ und erhielt 1991 das Bundesverdienstkreuz am Bande.

Jahrelang kämpfte Jean Jülich für seine Anerkennung als Verfolgter des NS-Regimes und gegen die Vorwürfe, kriminell gehandelt zu haben. Und er mischte sich ein, wenn andere ihn brauchten.

Hartmut Pries von den Bläck Föös, der mit Jean Jülich „sehr gut und seit langer Zeit befreundet“ war, würdigte den Verstorbenen, den die „Fööss“ im Karneval kennengelernt hatten. „Jean hat das kölsche Leben im Veedel geprägt“, sagte Bandleader Hartmut Pries. „Besonders gut fand ich immer, dass er in die Schulen gegangen ist und dort den Kindern von der Zeit der Edelweißpiraten erzählt hat.“ Er verkörperte das Leben, das die Südstadt auch heute noch ausmacht. Unbequem sein, für andere einstehen, den Mund aufmachen.

 

Niko von Glasow, der Regisseur des Kinofilmes „Edelweißpiraten“, meldete sich aus London in der Redaktion mit den Worten „Jetzt geht’s ihm gut!“ Vor 14 Tagen, als er im Stollwerck Theater ein Stück inszenierte, hatte er Jean Jülich noch zu Hause besucht. „Mir ist besonders aufgefallen, dass er und seine Frau so liebevoll miteinander umgingen“, erklärte der Regisseur. „Sie haben sich und auch den Tod liebevoll veräppelt.“ Vor 20 Jahren hatte der Kölner Niko von Glasow in New York erstmalig von den Edelweißpiraten gehört und wunderte sich, dass er über das Thema nichts wusste. In seiner Recherche stieß er auf Jean Jülich, den „personifizerten Eldelweißpiraten“, interviewte diesen und fasste den Entschluss, seinen Film über das Thema zu machen. Jean Jülich stand ihm dabei mit Rat und Tat zur Seite, begleitete den Regisseur ins EL-DE-Haus, arbeitete sich mit ihm durch etliche Akten, las die vielen Drehbuch-Versionen und war sogar in St. Petersburg bei den Dreharbeiten dabei.

 

Jean Jülich stehts mit Gitarre, beim Edelweißpiratenfestival im Friedenspark, Köln. Foto: Jan Krauthäuser.

 

Jan Krauthäuser und Betsy de Torres vom Edelweißpiratenclub e.V. schrieben: „Danke Schang!
Mit Jean Jülich haben wir zugleich einen sehr engagierten, couragierten Bürger, wie ein echtes Kölsches Original verloren! Wir verdanken ihm viel: als Edelweißpirat, als unermüdlicher Vorkämpfer für eine gerechte Vergangenheitsbewältigung, als Karnevalist, als Künstler, als Inspirator …! Es darf ihm und den Seinen Trost sein, dass seine Saat reiche Früchte getragen hat und tragen wird! Wir werden ihm gedenken, wenn wir singen, wenn wir wandern und wenn wir für Gerechtigkeit kämpfen!“

 

Bürgermeisterin Angela Spizig wird Jean Jülich vermissen, der oft bei ihr im Rathaus war, um Veranstaltungen vorzubereiten und Themen zu besprechen, die ihm wichtig waren. „Er war ein Mahner der besten Sorte“, sagte die Bürgermeisterin, „er vergaß nie die Verbrechen der Nationalsozialisten.“ Zusammen mit seinen Freunden und Verbündeten suchte er das Gespräch und den Austausch mit seinen Mitmenschen, vor allem mit Jugendlichen, denen er die freiheitlichen Grundwerte vermitteln wollte. „Mit seiner offenen, positiven, optimistischen Art konnte er sie überzeugen!“

 

Der Kölner Musiker Andreas Schilling, einer der vielseitigsten deutschen Bassisten, ist Jean Jülich oft über den Weg gelaufen, meistens musikalisch. Er hat seinen Humor, seinen treffsicheren Geschmack und seine Musikalität sehr geschätzt. „Als wir vor ein paar Jahren eines seiner Lieder aufgenommen haben“, berichtet er, „hat er auf einer Version nach dem letzten Ton ein freundliches, leises “ … und tschüss“ ins Mikrofon gehaucht.“ Andreas Schilling wollte natürlich wissen, was das sollte. Und er meinte, das sei nicht für die CD, sondern dass die Version nur gespielt werden solle, wenn er mal beerdigt würde …

 

Hans Mörtter, Pfarrer der Lutherkirche, lernte Jean Jülich im Rahmen des Edelweißpiratenfestivals kennen und wird ihn niemals vergessen. „Cappuccino bestellen und schlau auf dem Hintern sitzend? das Welt- und Stadtgeschehen kommentieren, war nicht? Jean Jülichs Ding“, urteilt Hans Mörrter. „Er war ein kölscher Pfiffikus mit Herz.? Ein Vorbild mit menschlichen Kratzern, der sein Leben lang?tätig unruhig geblieben ist, ständig in Begegnung und ?Konfrontation ging, weil er um unseres Lebens und Lernens?willen nicht anders konnte und wollte. Falls ich mal müde und bequem ?werden sollte, lasse ich mich von ihm bewegen.? Auf dass seine Saat bei vielen von uns aufgehen möge.“

 

Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes schreibt: „Köln verliert mit Jean Jülich einen ebenso engagierten wie ehrenhaften Mann. Er wird uns ewig in Erinnerung bleiben – als couragierter Edelweißpirat und aufrechter Demokrat, aber auch als leidenschaftlicher Musiker und Karnevalist.“

 

„Jean Jülich, ein kölscher Pfiffikus mit Herz“. Foto: Michael Maye

Rolly, Peter, Stephan, Maria & Benjamin Brings haben ein Lied – einen letzten Gruß – für ihren Freund Jean Jülich geschrieben – op kölsch und zur Sicherheit ins Hochdeutsche übersetzt.

 

 

 

Edelweißpirate han se sich jenannt.

Wo dat Blömche jeblöht hät, do wor Widerstand.
Edelweißpiraten haben sie sich genannt.
Wo diese Blume blühte, da war Widerstand.

Leeve Schang, jetz hät d’r Herrjott Dich jerofe,
weil Du möd bes vun dä lange Reis,
un Hä weed sage: Em Himmelsjade

es ne Sonneplatz för et Edelweiß.

Lieber Jean, jetzt hat der Herrgott Dich gerufen
weil Du müde bist von der langen Reise,
und Er wird sagen: Im Himmelsgarten
ist ein Sonnenplatz für das Edelweiß.

 

Jean Jülich starb am Mittwoch Morgen an Herzversagen. Köln verliert einen Mann, der als lebendige Erinnerung und stetige Mahnung die heutige Zeit mit den dunklen Kapiteln unserer Stadt verband. Seiner Frau, seinen Kindern und Enkelkindern gilt unser Mitgefühl.

 

 

Text: Stephan Martin Meyer

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