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Kultur

„Es bleibt immer ein dunkler Rest“

Freitag, 23. Mai 2014 | Text: Gastbeitrag | Bild: Tamara Soliz

Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten

Schuld und Sühne über den Dächern von Köln – ein Besuch auf der PhilCologne
Einem wie Raskolnikow begegnet man hier nur in der Theorie. Dennoch geht es an diesem Abend wie in Dostojewskis Roman um „Schuld und Sühne“ – so jedenfalls lautet der Titel dieser Veranstaltung im Rahmen der Phil.Cologne. Die Kulisse ist wie gemacht für einen erhabenen Ausflug von der Realität. Kranhaus 1, 12. Stock, vor den bodentiefen Fenstern der Anwaltskanzlei CMS Hasche Sigle: Rechts fließt der Rhein, vom Lärm der Autos und Straßenbahnen auf der Severinsbrücke ist nichts zu hören, gen Westen verpassen wir gemeinsam – mit einem Glas Rosé-Sekt in der Hand – einen Sonnenuntergang, der sich in einem dünnen Streifen unter den Wolken andeutet. Das Erscheinungsbild des Publikums passt zur Kulisse.

Um halb acht ruft eine Glocke in den „Saal Hamburg“, fast alle der knapp 150 Plätze sind schnell besetzt. Auf dem Podium nehmen Platz: Reinhard Merkel, Professor für Strafrecht und Rechtsphilosophie an der Universität Hamburg, und Michael Skirl, Leiter der Justizvollzugsanstalt Werl. Er nennt es die „Anstalt für Hartgesottene“: 100 Lebenslängliche, 100 Sicherungsverwahrte, ausnahmslos Männer. Beide haben sich ausführlich mit den Themen Verantwortung und Strafe auseinandergesetzt, beide haben ihre Ansichten in Buchform dargelegt. Skirl geht es dabei hauptsächlich um Sinn und Unsinn der Sicherungsverwahrung, Merkel um die Willensfreiheit.

Mit der nämlich ist es nach Ansicht einiger Wissenschaftler nicht weit her: Sie verweisen auf Studien, nach deren Erkenntnissen die Gehirne von Psychopathen anders arbeiten und sich dies auch zuverlässig nachweisen lässt. Auch Merkel – drahtig, anthrazitfarbener Anzug, Brille – betrachtet Willensfreiheit als Illusion. Das Problem sei allerdings, erklärt er, dass sich niemand als determiniert erlebe, ja, gar nicht erleben könne, weil man sich der Vorgänge im Gehirn nun mal nicht bewusst sei. Hätte manch ein Verbrecher also am Ende gar nicht anders handeln können? Selbst wenn, argumentiert Merkel und lehnt sich zurück, könne das letztlich nicht bewiesen werden. Ein dunkler Rest bleibe immer.
    
Was aber, wenn es darum geht, Verbrechen zu verhindern? Ein Thema für Skirl, schließlich zielt die Frage auf den Kern der Sicherungsverwahrung. Der Jurist  – helle Hose, kariertes Hemd und eine Aktentasche, die wirkt, als sei der Abend auch nach dieser Veranstaltung keineswegs zu Ende – erläutert den grundlegenden Unterschied zur Gefängnisstrafe, denn die Sicherungsverwahrung ist nicht schuld-, sondern gefahrenbasiert. Für seine „schweren Jungs“ manchmal kaum zu akzeptieren. Viele spürten zwar tief im Innern das Bedürfnis, für ihre Tat als Schuldausgleich „einen mitzukriegen“, sagt Skirl. Nach Abgeltung dieser Strafe aber müsse es nach ihrer Ansicht aber auch mal gut sein mit der Schuld.

Wie also umgehen mit denen, die der Gesellschaft noch einmal gefährlich werden könnten? Die Regeln für Sicherungsverwahrung waren lange umstritten und wurden schließlich vom Bundesverfassungsgericht gekippt. Seit einem Jahr gilt ein reformiertes Gesetz. Es verlangt zum einen besondere Haftbedingungen – so gibt es im Neubau für Sicherungsverwahrte der JVA Werl etwa größere Zellen und mehr Privatsphäre. Zum anderen hat jeder Betroffene das Recht auf mehr therapeutische Hilfe. Vor allem aber soll künftig keiner mehr für Diebstahl oder Betrug in Sicherungsverwahrung gehen müssen, der Katalog der relevanten Straftaten wurde deutlich reduziert. Eine nachträgliche Anordnung der Sicherungsverwahrung hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte für menschenrechtswidrig erklärt. Gänzlich entfallen ist sie in Deutschland nicht: Ausnahmen gelten etwa für Psychiatriepatienten.

Auch Merkel spricht von „tickenden Bomben“ die es von der Gesellschaft fernzuhalten gelte. Der Gefängnisdirektor meint ebenfalls, Deutschland komme nicht ohne Sicherungsverwahrung aus. Dennoch spricht der Rechtsphilosoph von einem „Grenzfall des Rechtsstaates“, weil Menschen nicht für etwas inhaftiert würden, das sie begangen hätten, sondern für etwas, das man von ihnen befürchte. Zudem gebe es in Deutschland viele Straftäter, die in Sicherungsverwahrung seien, obwohl keine Gefahr mehr von ihnen ausgehe. Auch hier also ein „dunkler Rest“.

Theorie ist angenehmer zu handhaben als Praxis – was hauptsächlich daran liegt, dass aufgeworfene Fragen nicht kurzfristig gelöst werden müssen. Nachdem man ein Dilemma aufgezeigt hat, kann man sich ohne Handlungsdruck dem nächsten zuwenden. So ist dieser Abend auch ein Ausflug an ebensolche gedanklichen Kreuzungen, die allesamt ihre philosophischen Verästelungen erahnen lassen.

Das Publikum lässt sich willig führen, zum Beispiel im Fall des Familienvaters, der plötzlich pädophile Neigungen verspürt. Grund ist, wie Merkel ausführt, ein Tumor im Gehirn. Nach dessen Entfernung verschwinden folgerichtig auch die Symptome der Pädophilie. Nachdem sie erneut auftauchen, ist auch der zurückgekehrte Tumor schnell gefunden. Es ist also ein Haufen entarteter Zellen, der verantwortlich ist für ein – zumindest potentiell – strafbares Verhalten. Die Frage, inwiefern sich dies von einem Gehirn unterscheidet, in dem andere Prozesse aus der Bahn geraten sind und ein pädophiles Verhalten bedingen, wird nur noch rhetorisch gestellt.

In der Praxis hält Merkel am Schuldstrafrecht fest. Die Gesellschaft könne sich nicht anders verteidigen als durch die Aufrechterhaltung ihrer Normen. Fundament der Schuldfähigkeit sei deshalb eine normative Ansprechbarkeit im Moment der Tat.

Das Publikum genießt offenkundig die Möglichkeit, an diesem Abend noch einmal den Weg zum einen oder anderen Dilemma abschreiten zu können, zumal dies bei Wein, Kölsch vom Fass und zweierlei Süppchen geschieht. Gegen kurz nach neun ist an fast jedem der Stehtische eine angeregte Unterhaltung im Gange, bevor es dann mit dem Lift wieder zwölf Etagen nach unten geht, wo der Gehweg nass vom Regen ist.

 

 

Kathrin Baumhöfer wohnt in der Südstadt, hat aber immer noch einen Koffer in Berlin, wo sie mehrere Jahre gelebt und gearbeitet hat. Studium der Medizinischen Biologie in Amsterdam, mittlerweile beim Hörfunk, und schon immer mit einem Faible für das geschriebene und gesprochene Wort.

Text: Gastbeitrag

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