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Sport Südstadt

„Triumphe, Geschichten und Tragödien“: Film-Matinée 70 Jahre Fortuna Köln

Montag, 12. März 2018 | Text: Stefan Rahmann | Bild: Stefan Rahmann

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Früher hatten ja die Fangesänge deutlich weniger Lametta. „Wir schenken Euch die Herzen, und Ihr schenkt uns den Sieg“, das heutzutage die Fans auf Stehplatz Mitte im Südstadion singen, ist ganz bestimmt nicht frei von Pathos. In den 80ern war an gleicher Stelle das Liedgut deutlich bodenständiger: „Wollt Ihr Erbsen?“ „Nein!“ „Wollt Ihr Bohnen?“ „Was wollt Ihr dann?“ „Linßen, Linßen!!“ Natürlich war auch Fortuna-Legende Hannes Linßen der Einladung zur Fortuna-Film-Matinee ins Odeon zum 70jährigen Bestehen von Fortuna Köln gefolgt und ließ sich von den Anhängern im bis auf den letzten Platz besetzten Kinosaal feiern. Cornel Wachter moderierte ein Programm, das von der Gründung der Fortuna 1948 als Fusion aus dem Bayenthaler SV, dem Sparkassenverein 1927 und dem SV Victoria Köln bis zum aktuellen Höhenflug in der Tabelle der Dritten Liga mit realistischen Chancen auf den Aufstieg in die Zweite Liga reichte. Einspielfilme und Interviews wechselten sich ab. Das erste Bild auf der Odeon-Leinwand zeigte einen Zeitungsartikel. Darin ging es um einen Film über die „Liga Terezin“ im Konzentrationslager Theresienstadt. Häftlinge mussten in ihrer „Freizeit“ auf Geheiß der SS aus Propagandazwecken Fußball spielen. Eine Mannschaft der Liga nannte sich Fortuna Köln. Warum sich wahrscheinlich aus Köln deportierte Juden diesen Mannschaftsnamen gaben, ist nicht bekannt.

Falsche Freunde und Karriereknick

Danach stand dann zunächst die Gegenwart im Mittelpunkt. Und zwar in Person von Daniel Keita-Ruel. Der hat am Samstag beim Auswärtssieg in Lotte sein Saison-Tor Nummer 14 erzielt und schwebt im Moment auf Wolke sieben. Das war nicht immer so. Falsche Freunde im sozialen Brennpunkt Wuppertal-Elberfeld und ein fußballerischer Karriereknick hatten ihn auf Abwege geführt, wie in einem Sportschau-Film zu sehen war. Wegen einiger Raubüberfälle wurde Keita-Ruel zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Im Moment ist er noch auf Bewährung draußen. Und in der Fortuna-Familie bestens aufgehoben. „Ich weiß jetzt, wer mir gut tut“, sagt der Stürmer. Trainer Uwe Koschinat hält große Stücke auf den Spieler: „Er ist unglaublich leistungsbereit. Und er steht zu dem schwarzen Fleck in seinem Leben. Daniel hat zwei sehr extreme Gesichter: Wenn er böse guckt, möchte man am liebsten die Straßenseite wechseln. Wenn er lacht, möchte man ihn am liebsten in den Arm nehmen.“

Eine Fortuna-Bläck-Fööss-CD: OB Reker freut sich über ein Geschenk von Cornel Wachter.

Kein Stadion in Flittard oder Niederkassel

Eingeladen hatte die Fortuna unter dem Motto „Triumphe, Geschichten und Tragödien“. Fortuna-Präsident Hanns-Jörg Westendorf erinnerte an eine Tragödie, die sich immer mehr zum Triumph entwickelt: Die Rettung der Fortuna nach der Beinahe-Pleite 2005 und die Entwicklung bis zum aktuell fünften Platz in der Dritten Liga: „Wir waren tot, aber noch nicht tot genug. Und jetzt klopfen wir an die Tür unseres Wohnzimmers“, mit dem der Präsident die Zweite Liga meinte, der der Club immerhin 26 Jahre von 1974 bis 2000 angehörte. Zuvor war man sogar ein Jahr in der Ersten Liga vertreten. Sollte man allerdings das „Wohnzimmer“ Zweite Liga betreten dürfen, müsste man wohl vorher die Wohnung wechseln. Stand jetzt würde man sich wohl mit dem FC das Stadion in Müngersdorf teilen müssen. Westendorf klagte im Odeon nicht zum ersten Mal über die schlechte Infrastruktur im und rund um das Südstadion. „Wenn wir Gastmannschaften dort empfangen, sagen die oft ,Ihr habt aber einen schönen Rasen‘. Und der Rest ist wirklich Opas Kino. Wir haben neben dem Stadion einen Rasenplatz, den unsere erste Mannschaft oft nicht nutzen kann, einen Kunstrasenplatz und einen Aschenplatz. Für 30 Mannschaften. Wir haben die größte Jugendabteilung am Mittelrhein. Eine solche Jugendarbeit macht im bezahlten Fußball außer uns nur Werder Bremen.“ Man brauche dringend ein neues Stadion, forderte der Präsident: „Und zwar in der Südstadt und nicht in Flittard oder Niederkassel.“ Oberbürgermeisterin Henriette Reker versprach in ihrem kurzen Grußwort, sich um Fortschritte bemühen zu wollen, warb jedoch um Verständnis dafür, dass noch nicht einmal sie Wunder bewirken könne. Die erste Frau der Stadt lobte die Fortuna-Familie: „Hier kennt jeder jeden und jeder ist für den anderen da.“ Und sie hatte auch eine Anekdote parat: „Klaus Ulonska war der erste in Köln, der mir das Du angeboten hat.“ Und natürlich habe sie das Du vom ehemaligen Fortuna-Präsidenten angenommen. Da habe sie bei dessen gewinnender Art gar keine Wahl gehabt. Und auch nicht haben wollen.

Rudi Gutendorf wünschte der Mannschaft um Trainer Uwe Koschinat alles Gute.

Um Gehalt beim Fußballtennis gezockt

Wie Flug vergingen die zwei Stunden im Odeon. Lang anhaltenden Beifall heimste Rudi Gutendorf ein. Der 91jährige Trainer-Globetrotter hat in den 70er Jahren auch ein Jahr in der Südstadt Station gemacht und die Fortuna trainiert. „Modernste Trainingsmethoden“ attestierte ihm ein Film aus jenen Zeiten. Da jonglierten die Fortuna-Kicker mit Medizinbällen und trugen als Teambildungs-Maßnahme auch mal einen Mittelklasse-Wagen von A nach B. Die Lacher im Publikum waren ohne Ausnahme wohlwollend. Cornel Wachter erinnerte an eine Aktion aus dem Jahr 2003. Mit einem Nacktfoto von Spielern und Betreuern warb die Fortuna in schweren Zeiten um Spenden. Motto der Aktion: „Einem nackten Mann greift man nicht in die Tasche, sondern unter die Arme.“ Und weiter ging es durch die unendlichen Weiten der Fortuna-Geschichte. Ein nackter Mann stand im Mittelpunkt eines Films über ein legendäres Winter-Trainingslager Mitte der 80er. Damals wurde Dieter Schatzschneider von Mannschafts-Kameraden nackt ausgezogen und einer ordentlichen Schneeabreibung unterzogen. „Der Plan war, dass er nackt zurück ins Dorf laufen sollte“, erklärte der damalige Präsident Jean Löring im Film. Den Plan zunichte machte das Mitleid einiger Teamkollegen, die Schatzschneider halfen, die Blößen mit Stoff zu verdecken. Dazu Löring auf seinem „Zweitwohnsitz“ – einem schlossähnlichen Anwesen – im Kreise „seiner“ Mannschaft. Löring bringt einen Gepard in den Zoo. „Den habe ich privat gehalten, und der ist ein wenig zu wild geworden.“ Und Löring, der mit Torhüter Jacek Jarecki beim Fußball-Tennis um dessen Gehalt im neuen Vertrag zockt. Unvergessen das Pokalfinale gegen den FC 1983, das Fortuna trotz überlegenen Spiel 0 zu 1 verlor. Moralischer Sieger waren die Südstädter, die am Ende von allen Kölnern im Müngersdorfer Stadion angefeuert wurden.

„Mich gibt es nur einmal“

Ein kurzes Porträt des rast- und selbstlosen Klaus Ulonska beendete den Vormittag im Odeon. Der hat die Fortuna vor dem Absturz ins Nichts bewahrt und ist Vater des aktuellen Erfolgs. Dessen Optimismus bewahrt die Fortuna über seinen Tod hinaus. „Mich gibt es nur einmal“, sagt Ulonska im Film über sich. Und könnte auch die Fortuna gemeint haben.

Text: Stefan Rahmann

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