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Südstadt

Wir sehen uns dort, wo der Tag früh anfängt.

Mittwoch, 13. Oktober 2010 | Text: Wassily Nemitz | Bild: Wassily Nemitz

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Die Zeiger der großen Uhr am Kopf der Halle zeigen zehn vor elf. Ein Blick umher reicht, um festzustellen, dass das nicht stimmen kann. Der Mond wirft ein wenig natürliches Licht auf den Asphalt, ansonsten spenden ein paar Straßenlaternen orangefarbene Helligkeit. So gesehen scheint zehn vor elf wieder realistisch – irgendeine verschlafene Straße eine Stunde vor Mitternacht – wären da nicht die vielen LKW, Gabelstapler und rufenden Menschen. In Wirklichkeit ist es nämlich 4:45 Uhr an einem Dienstagmorgen und an dem Ort, wo ich mich befinde, wird gerade bestimmt, wie viel Geld man am heutigen, noch jungen Tag, beim Gemüsekauf lassen wird. „Morgen“, tönt es mir entgegen. Und mir begegnen erstaunte Blicke. Ich wirke wohl deplatziert, ein Unbekannter, ohne Klemmbrett, ohne Gabelstapler und ohne Kaufinteresse. Ich bin auf dem Großmarkt  im Kölner Süden, ein wenig versteckt hinter der Bonner Straße, direkt an der Bahntrasse zur Südbrücke.

Ich gehe in die riesige Haupthalle (die mit der falsch gehenden Uhr) und habe auf einmal das vor mir, was sich Menschen gerne mal als Paradies vorstellen: Obst, Gemüse und bunte exotische Früchte in Hülle und Fülle, soweit das Auge reicht. In Kisten stapelt sich alles rechts und links der Gassen, in den hüttenartigen Verkaufsständen dahinter wird verhandelt. Ein Mann nimmt eine Orange in die Hand, befühlt sie mehr oder weniger fachmännisch, lässt sie wieder in die Kiste fallen und geht weiter. Mehr Erfolg hat der benachbarte Händler: ein anderer Mann, und ja, es sind wirklich fast nur Männer hier, lässt sich fünf Kisten Äpfel der Marke „Enza“ auf einen Gabelstapler laden.

Hier kaufen nicht die Großen wie ALDI, REWE und Co. ein, sondern Inhaber der kleineren, lokalen Obst- und Gemüseläden, wie sie oft auch von türkischstämmigen Familien betrieben werden. Sie kaufen die Ware für den gerade beginnenden Tag und lassen sie sich von den Großhändlern in ihre vor der Halle parkenden Lieferwagen bringen. Und je nachdem, wie gut sie verhandeln, bezahlen wir dann mehr oder weniger in ihren Geschäften.

 

 

Ich sehe den Chef „meines“ türkischen Geschäfts auf der Darmstädter Straße mit Listen in der Hand und wild gestikulierend um Tomaten verhandeln. Das macht er aber nicht in der Halle selbst, sondern dahinter. Denn im Umfeld der 1940 fertig gestellten Großmarkthalle siedelten sich über Jahrzehnte immer mehr Unternehmen an – es entstand damit auch ein regelrechtes Straßennetz. Und vor den kleineren einstöckigen Gebäuden, auch da türmen sie sich, die Kisten voll mit Obst und Gemüse. Überall fahren in gewagter Geschwindigkeit kleine Elektro-Transporter durch die Gegend, die erstaunlich leicht zu manövrieren sind, die Händler diskutieren und gestikulieren auch hier in auf lebhafte, geschäftige Art.

Der Kölner Großmarkt gehört zu den fünf größten in Deutschland, jedes Jahr werden hier rund 1,2 Millionen Tonnen Waren umgesetzt – umgerechnet immerhin etwa 4300 Tonnen am Tag. Das entspricht etwa zweihundertzwanzig  20-Tonnen-LKW. Und genau davon sieht man reichlich, hier auf dem Großmarkt. Aus allen möglichen Ländern stehen die großen Sattelschlepper auf den Parkplätzen, aus der Türkei, aus Belgien, aus Spanien – mit Ausnahme von Übersee also aus allen Ländern, aus denen wir unsere Produkte beziehen. Und genau diese LKW sind ein Problem, denn fahren täglich 220 LKW zum Großmarkt, um die Großhändler zu beliefern, so fahren täglich auch 220 wieder leer zurück. Hinzu kommen noch zahlreiche andere Fahrten im Zusammenhang mit dem Großmarkt, die meist durch dicht bebautes Gebiet führen. Deshalb soll in nicht allzu weiter Ferne Schluss sein mit dem Warenumschlagplatz in der Südstadt: 2020, so sieht es ein Beschluss des Stadtrats vor, zieht der Großmarkt um – nach Marsdorf, vor die Tore der Stadt. Da, wo er jetzt steht, da waren Ende der 30er Jahre quasi die Tore der Stadt. Und natürlich gab es nicht so viel Verkehr. Bis vor wenigen Jahren wurde auf dem Großmarkt auch noch per Bahn angeliefert, doch inzwischen liegen die Gleise, die vom Güterbahnhof Bonntor hierher führen, unkrautüberwuchert in der Gegend – der Handel musste offenbar noch flexibler werden.

Wer so früh aufsteht, die Geschäfte starten hier um 4 Uhr in der Früh, braucht Stärkung. Und wer Gabelstapler fährt, der braucht eine Werkstatt dafür. Deswegen haben sich längst Unternehmen aus ergänzenden Branchen angesiedelt.
Direkt neben der großen Haupthalle hat die Metzgerei „Schlömer“ ihren Verkaufspavillon. In altmodisch geschwungener Schrift heißt es „Fleischwaren“ und „Schnellimbiss“. Um zehn vor 6 öffnen sich Rolläden und kleines Verkaufsfenster. Hier liegen sie schon bereit, die Brötchen, die Frikadellen und die Würstchen. Eine urkölsche Frau Ende 50 bedient: „Na, habt ‘er Hunger?“ fragt sie, und reicht zwei Großhändlern ihre Würstchen nach draußen. Ich kaufe mir auch eins – um 6 Uhr morgens habe ich wohl noch nie eine Krakauer mit Senf gegessen. Neben der Bude liegt ein Haufen Müll, ein großes Problem auf dem Großmarkt. Geht man nachmittags bei Tageslicht über das Gelände, stehen an vielen Stellen irgendwelche Paletten mit leeren Gemüsekisten, liegen vergammelte Orangen und einfach nur Dreck herum. Die Stadt versucht zwar nach eigenen Angaben, dem ein Ende zu machen, aber bei der Masse an Händlern lässt sich oft nicht rückverfolgen, wer wo welchen Müll abgeladen hat.

Mit der Wurst in der Hand gehe ich weiter, denn das Gelände habe ich längst noch nicht vollständig „erkundet“. Etwas mehr am Rand gibt es auch große Läden, so Mitteldinger aus normalen Supermärkten und Großhandel. Dort gibt es fast alles: Getränke, Pizza-Schachteln und Brötchentüten in 500er-Packs, Alkohol, Kioskbedarf in Form von Schokolade und Haribo, Zigaretten in großen Mengen, riesige Gurkengläser und so weiter. Wer Partys plant, kann sich hier günstig eindecken. Dann gibt es noch Fischhändler, riesige Fleischwarenläden und sogar einen Biergarten.

 

 

Langsam dämmert es, die Sonne wirft ihre ersten Strahlen auf das Gelände. Die Uhr am Kopf der Halle behauptet weiterhin, es sei zehn vor elf, tatsächlich ist es halb sieben. Rundherum wacht die Stadt langsam auf, doch auf dem Großmarkt kehrt Ruhe ein. Die meisten Händler sind mit ihren frisch erworbenen Waren zu ihren Läden gefahren und öffnen bald. Bis 2020 (oder 2040, weil, wir sind ja in Köln) wird sich das, was ich erlebt habe, noch einige tausend Male abspielen. Danach soll hier nach dem Willen einiger Politiker ein Gelände für die Bundesgartenschau entstehen, um die sich Köln dann bewerben will. Man weiß es nicht genau, die Stadt hat jüngst noch einmal Geld in die stark heruntergekommene, denkmalgeschützte Großmarkthalle investiert, offenbar aber die Uhr vergessen. Trotz dieses winzigen Makels funktioniert diese kleine Parallelwelt auf ihre ganz eigene Art und Weise. Und das ist gut so – denn ansonsten wären wir in unserer großen Welt ziemlich aufgeschmissen. Es ist sicher nicht mein Traumjob, später mal auf dem Großmarkt Gemüsekisten zu stapeln. Aber die geschäftige Atmosphäre am sehr frühen Morgen hat etwas Faszinierendes an sich. Möge der Großmarkt noch lange an diesem Standort verbleiben, denn die Preise für Ritter Sport-Schokolade sind hier mehr als akzeptabel…

 

Der Autor ist Redaktionsleiter der Kölner Südstadt-Zeitung, einer von Schülern gemachten, freien Lokalzeitung. Sie erscheint in einer Ausgabe von 70 Exemplaren pro Monat und kooperiert mit „Meine Südstadt“.

Text: Wassily Nemitz

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