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Kultur

Zärtlichkeit im Schlachthof

Montag, 25. September 2017 | Text: Reinhard Lüke | Bild: Dirk Gebhardt

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Bei dem Titel des Films könnte man ein unersprießliches, dösig-esoterisches Machwerk befürchten. Doch „Körper und Seele“ der ungarischen Filmemacherin Ildikó Enyedi ist davon meilenweit entfernt. Ihr Film, der auf der Berlinale in diesem Jahr mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde, erzählt die bewegende Liebesgeschichte zwischen Endre und der wesentlich jüngeren Maria, die beide in einem Schlachthof arbeiten. Er als Finanzchef, sie in der Qualitätskontrolle.

 

Während Endre mit  der Liebe eigentlich längst abgeschlossen hat, ist die introvertierte Maria gerade erst dabei, sich ihrer Gefühswelt vorsichtig zu öffnen. Wie die beiden nach ebenso zaghaften zärtlichen Annäherungsversuchen dennoch zusammenfinden, erzählt der Film mit zwei wunderbaren Hauptdarstellern in einer ganze eigenen Bildsprache, in der auch immer wieder Traumsequenzen von einem friedlich äsenden Hirschpaar eine Rolle spielen.

 

Mit knappen Dialogen und trockenem Humor erinnert „Körper und Seele“ bisweilen an frühe Arbeiten von Aki Kaurismäki und ist definitiv einer der sehenswertesten Filme des Jahres. Mit Regisseurin Ildikó Enyedi sprach Reinhard Lüke im Odeon, wo der Film derzeit zu sehen ist.

Meine Südstadt: Haben Sie irgendwann einmal von Hirschen geträumt?
Ildikó Enyedi: Nein, noch nie.

 

Ist denn das tierische Paar, das da so beeindruckend zärtlich miteinander umgeht, naturbelassen oder handelt sich um dressierte Filmhirsche?
I.E.: Man kann Hirsche nicht wirklich dressieren, weil sie uns Menschen nicht brauchen. So hat es mir jedenfalls der Tier-Koordinator erklärt, mit dem wir zusammengearbeitet haben. Er hat auch schon allemöglichen Tiere für Hollywood-Produktionen zur Verfügung gestellt. Darunter ein Rudel von rund 80 Hirschen, aus dem auch unsere beiden Tiere stammen. Sie sind zwar nicht dressiert, haben aber Kameraerfahrung und sind in gewisser Weise Profis. Um solche Szenen in freier Wildbahn zu drehen, hätten wir uns monatelang auf die Lauer legen müssen.

 

Und dann sind da die anderen Tiere im Film, die zur Schlachtbank geführt werden. Sind Sie Vegetarierin?
I.E.: Das nicht, aber ich essen selten Fleisch. Ich möchte als Filmemacherin aber auch niemandem sagen, was er essen darf oder nicht. Ich bin in Ungarn noch hinter dem Eisernen Vorhang aufgewachsen, wo den Menschen vorgeschrieben wurde, was sie zu tun oder zu lassen hatten. Von daher halte ich mich mit solchen Ratschlägen zurück. Zudem denke ich, dass das Töten der Tiere weniger schlimm ist, als das, war wir ihnen von ihrer Geburt an vorher antun. Ich finde, die Menschen sollten wissen, wie das Fleisch auf ihre Teller kommt. Welche Schlüsse sie dann aus diesen Informationen ziehen, überlasse ich ihnen.

 


„Die Figuren sind, wie sie sind.“

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ausgerechnet einen Schlachthof zur Location für eine so zarte Liebesgeschichte zu machen?
I.E.: Ich wollte für die Geschichte eine realistische, ganz alltägliche Umgebung, in der nüchtern und effektiv gearbeitet wird, in der Emotionen keine Rolle spielen und die in der öffentlichen Wahrnehmung eher verdrängt wird.

Ihre beiden Hauptfiguren werden beide von sicht- oder zumindest spürbaren Behinderungen geplagt. Bei Endre ist es die Lähmung eines Arms, bei Maria eine Introvertiertheit, die etwas von Autismus hat. Aber die Ursachen, Entwicklungen dieser Handicaps bleiben weitgehend im Dunkeln.
I.E.: Ich finde solche psychologisierenden Herleitungen in Filmen eher überflüssig. Die Figuren sind, wie sie sind. Aber ich denke, man merkt Endre und Maria an, dass sie von gänzlich unterschiedlichen Ausgangspunkten auf die Liebe zusteuern. Während er Spuren eines erfüllten Lebens, womöglich mit mehreren Partnerschaften, trägt, aber inzwischen mit der Liebe abgeschlossen hat, hat Maria sie noch nie erlebt und begibt sich ebenso mutig wie vorsichtig auf eine Entdeckungsreise auf  ihr völlig  fremdes Terrain.

Bei aller Dramatik hat der Film aber auch immer wieder Szenen, die von einem trockenen Humor geprägt sind. So etwa, wenn Maria sich einen Porno anschaut, um etwas über die Liebe zu lernen und dabei teilnahmslos Gummibärchen futtert…
I.E.: Ich mag diese Form der Situationskomik, die einen beim Zuschauen lächeln lässt, aber nie auf Kosten der Figuren gehen darf.

Am Rande gerät auch so etwas wie Korruption in den Blick. Ein in Ungarn gravierendes Problem?
I.E.: Natürlich gibt es das bei uns, aber in welchem Land nicht? Wenn es nicht ein Stück Fleisch ist, mit dem man Polizisten besänftigt, sind es vielleicht ein paar Tassen Kaffee. Diese Szenen des Films gehören einfach zu einer möglichst realistischen Umgebung. Aber ich stelle die Beteiligten auch nicht an den Pranger. Denn in erster Linie wollte ich eine Liebesgeschichte erzählen und nicht einen Film über Probleme der ungarischen Gesellschaft drehen. Der hätte definitiv anders ausgesehen.

 


„Vielleicht wird aus den anderen Plänen ja irgendwann auch noch was.“

Während Alexandra Borbély, die wunderbare Darstellerin der Maria, in Ungarn ein Theater-Star ist, hatte Géza Morcsány, der Endre spielt, zuvor noch nie vor einer Filmkamera gestanden. Er ist einer der bedeutendsten Verleger des Landes. Was hat sie zu dieser mutigen Besetzung mit einem Laien-Darsteller veranlasst?
I.E.: Ich kenne Géza seit vielen Jahren und war mir absolut sicher, dass er für diese Rolle die Idealbesetzung wäre. Es hat allerdings eine ganze Zeit gedauert, bis ich ihn davon überzeugt hatte. Die Produzenten des Films sind auch erstmal blass geworden, als ich sie von meinem Plan unterrichtete, aber sie haben mir vertraut. Und nach Sichtung des Films waren auch sie von Géza begeistert.

„Körper und Seele“ ist ihr erster Kinofilm seit 18 Jahren. Warum diese lange Pause?
I.E.: Ich kann es mir auch nicht wirklich erklären. Ich habe eigentlich all die Jahre praktisch jeden Tag über Filme nachgedacht. Letztlich sind dabei fünf unterschiedliche Projekte und Drehbücher herausgekommen. Der Film ist jetzt das sechste Projekt. Mal sehen, vielleicht wird aus den anderen Plänen ja irgendwann auch noch was.  

Frau Enyedi, wir danken für das Gespräch.

 

Text: Reinhard Lüke

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