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Kultur

Auf einen Liter Rotwein mit Barbara Kratz

Montag, 23. Januar 2012 | Text: Jörg-Christian Schillmöller | Bild: Dirk Gebhardt

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Diese Frau ist der Teufel, 75 Minuten lang. Barbara Kratz spielt im „Freien Werkstatt Theater“ die fromme Helene von Wilhelm Busch, seit genau zehn Jahren und jedes Mal aus der Perspektive des Teufels, der sich Helenes Seele holt. Die erste Vorstellung, sagt sie, das muss der 7.2.2002 gewesen sein. Eigentlich sollte das Interview für „Meine Südstadt“ im „Formula Uno“ stattfinden. Doch dann kommen wir im Theater so schnell ins Gespräch, dass wir kurzerhand beschließen, da zu bleiben.

Barbara Kratz steht ungeschminkt vor uns auf ihrer Bühne, die links, rechts und hinten von drei weißen Laken begrenzt wird. An den Laken hängen ihre Requisiten: Hüte, Perücken, Mieder. „Bei mir gibt es keine Deko, alles spielt mit“, sagt die Schauspielerin. Und so wird das Interview zu einem Beispiel dafür, was ihre „Fromme Helene“ ausmacht: Barbara Kratz öffnet die imaginäre vierte Wand, also die Grenze zum Publikum. Sie spricht im Stück ihre Zuschauer an – in unserem Falle sind das Fotograf Dirk und ich in der zweiten Reihe.

Meine Südstadt: Frau Kratz, was hat sie an der „Frommen Helene“ gereizt?
Barbara Kratz: „Es macht großen Spaß, dieses vollkommen verpfuschte Leben zu spielen. Da fehlt es vollkommen an Political Correctness. Ich habe das vor kurzem in Niederbayern gespielt, in Eggenfelden, da können Sie mit so einem Stück noch richtig anecken. Da ist man dann ein echter Dissident.“

Ich zitiere mal: „Schweigen will ich von Lokalen, wo der Böse nächtlich praßt, wo im Kreis der Liberalen man den Heil‘gen Vater haßt.“ Sprich: Alkohol und Sünde. Das passt doch gut nach Köln.
„Ja, das ist herrlich, hier in Köln, aber vor allem wegen des Katholizismus, weniger wegen des Alkohols. Das Stück zielt ja auf die Bigotterie. Helene geht auf Wallfahrt, und das war früher die ideale Gelegenheit zum Fremdgehen. Es konnte ja immer nur ein Ehepartner weg, der andere musste daheim bleiben und nach dem Hof sehen. Früher sagten die Pastoren: Wenn Sie keine Kinder kriegen, dann gehen Sie mal auf Wallfahrt.“

 

Und das kommt an?
„Wissen Sie, Wilhelm Busch ist sehr verkannt. Viele sehen in ihm den Aphorismen-Schreiber, der nette Sprüche über das Leben verfasst hat. Aber er ist viel böser und zynischer, als er dargestellt wird. Bei Busch denken viele an eine Lesung mit einem Glas Wasser, bei der ein älterer Herr gereimte Weisheiten von sich gibt.“

„Die fromme Helene“ ist auch gereimt und bebildert. Wie macht man daraus ein Theaterstück?
„Wenn Sie einen Roman dramatisieren, dann haben Sie Bilder im Kopf, und die bringt man auf die Bühne. Meine Regisseurin bringt also ihre Bilder aus dem Kopf auf die Bühne. Bei Busch aber sind die Bilder schon vorhanden. Und er ist ein Fuchs, denn der Witz liegt meistens dazwischen. Als Vetter Franz gratulieren kommt, weil Helene und Herr Schmöck Zwillinge bekommen haben, dann steht da sowas wie „Das ist fürwahr zwiefacher Segen“. Der Witz besteht darin, dass die Kinder genauso aussehen wie Franz, mit dem Helene auf Wallfahrt war. Und Gatte Schmöck ist so besoffen, der merkt es nicht. Das ist tückisch auf die Bühne zu bringen. Da muss man dann ein neues Zeichen finden. Ich fasse mir in der Rolle von Franz einfach demonstrativ zwischen die Beine, dann wissen alle, wer der Vater ist.“

Haben Sie die Reime übernommen?
„Ja, die habe ich nicht verändert, nur gekürzt. Aber ich habe Lieder eingebaut, Schlager. Ich dachte erst an Brecht, aber das war zu kunstvoll. Dann kam ich auf Adamo, den belgischen Schlagerstar. Das ist so ein Latin-Lover-Typ mit schmalzigen Liedern (sie greift zur Concertina, einem Mini-Akkordeon, das zwischendurch schnauft). Die Hochzeitsreise, die muss ich sowieso noch üben (sie singt einige Minuten von Liebe, Booten und einer Insel mit Sonnenglanz). So ein Zeug eben, schön daneben. Das Instrument habe ich von einem Bandoneon-Spieler gelernt.“

Was für Erfahrungen haben Sie mit dem Publikum gemacht?
„Gute und schlechte. Mein lustigstes Publikum, das waren Ostfriesen. Die sind total protestantisch und haben unter dem Tisch gelegen. Die mochten diesen Witz von Busch sehr, diesen leichten Zynismus. Aber manchmal muss ich die Herzen mit dem Vorschlaghammer öffnen. Einmal ist ein Ehepaar mitten in der Vorstellung gegangen, und einer von beiden meinte entrüstet: Das ist nicht mein Busch. Genau da liegt meine Aufgabe als Schauspielerin: Ich muss die Menschen so fesseln, dass sie nicht rauslaufen.“

Klingt gar nicht so einfach.
„Im vorbürgerlichen Theater war das ganz normal, dass man rausgehen konnte. Erst im 19. Jahrhundert wurde das Theater zur Erziehungsanstalt, und das hat dem Theater geschadet: das Stillsitzen, die Reihen-Bestuhlung, der schulische Charakter, wie im Seminar. Das Theater wurde zu einem Ort, an dem man nicht nur unterhalten wurde, sondern an dem man lernen sollte, und dabei hatte man still zu sitzen. Bei mir ist das anders. Meine Regisseurin sagte einmal: Das Publikum darf alles, da musst du halt kämpfen.“

Haben Sie so einen Kampf schonmal verloren?
„Ja, und dann schleichst Du nach Hause und kannst Dich unter der Tür durchschieben. Dann hab ich nichtmal Lust auf ein Bier. Es gibt so Fälle – wie gesagt: Eggenfelden in Niederbayern. Aber das Publikum ändert sich von Region zu Region. Und von Tag zu Tag. Es gibt das Freitagspublikum, das ist unhomogen und aufgekratzt, weil die Leute entweder müde sind von der Woche oder ihren ersten Wein getrunken haben und denken: Jetzt aber los. Wenn der Abend klappt,  bin ich bis drei Uhr wach, weil ich so high bin und mich so freue. Dann spielt die Vorstellung sich ganz leicht – und die Leute haben einfach Freude an diesem verpfuschten Leben der Helene.“

Irgendwelche Pannen, die Sie in Erinnerung haben?
„Klar, da heißt es dann: Nerven bewahren. Dann fällt mir die Tafel um, oder ich vergesse den Text. Einmal habe ich die Weinflasche nicht gefunden, und die Leute haben es gemerkt. Wenn ich dann unsicher werde, tue ich den Leuten leid. Wenn ich improvisiere und witzig reagiere, dann hauen die Leute innerlich nicht ab, sondern sie bleiben bei mir. Einmal hat mitten in der Aufführung ein Handy geklingelt. Da hab ich dann gesagt: ,Bitte, seien Sie alle mal ganz still, der Herr möchte telefonieren‘.

Wer Barbara Kratz live erleben möchte: Ihr neues Stück ist „Orlando“ in der Regie von Diana Anders, noch bis Mai 2012. „Die fromme Helenne“ wird auch noch am 17.04 und am 06.05 gespielt, alle beide im Freien Werkstatt Theater . Termine und alle Infos unter  www.fwt-koeln.de sowie unter www.barbara-kratz.de

Text: Jörg-Christian Schillmöller

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