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Gesellschaft Kultur

Die Boys von der GoT: Pierre „King Rap One“

Mittwoch, 16. März 2011 | Text: Betsy de Torres | Bild: Dirk Gebhardt

Geschätzte Lesezeit: 8 Minuten

Ich bin zu Besuch im Jugendzentrum GoT in der Elsaßstrasse und warte  gespannt auf den Rapper Pierre Lohmar, besser bekannt als King Rap One! Die Stimmung ist ausgelassen, die Lautstärke extrem hoch. Während die einen Kicker spielen, sich gegenseitig anfeuern, liefern sich die anderen an der Tischtennisplatte einen Wettkampf. Manche sitzen an Tischen und schauen sich seelenruhig das Geschehen an. Die Kleineren rennen draußen herum und spielen Fußball. Es ist viel los.

Ich überlege: Wie sieht eigentlich ein Rapper aus? Ist er eins von diesen großen     „ Türstehermuskelpaketen? Hat er überall Tattoos, Piercings? Ist er womöglich gefährlich?! Nika erzählte gestern: „Beim Hip Hop geht es nicht nur ums Rappen, es geht um das Gesamtpaket. Pierre ist sympathisch, nett und begegnet den Leuten freundlich. Er ist sehr natürlich! Klar, er hat seine harten Sachen erlebt, auch was seine Raps angeht, aber er ist nicht einer derjenigen, die sich hinstellen und meinen, posen zu müssen, weil sie gut rappen können. Das rechne ich ihm hoch an.“   
Zurück im Jugendzentrum überlege ich, ob ich jetzt lange auf ihn warten muss. Als Rapper wird er sicherlich nicht pünktlich kommen. Doch dann kommt die erste Überraschung an diesem Tag: Er ist pünktlich wie die Maurer (wie war das nochmal mit dem Schubladendenken?). Er ist ein zierlicher, sympathisch aussehender Kerl, genau das Gegenteil vom Türstehertyp. Er setzt sich hin und beginnt zu erzählen. Und er hat viel zu erzählen…

Meine Südstadt: Ich fand dein Lied „2 Minuten werde ich die Wahrheit sagen“ super! Hast du es selbst geschrieben?

Pierre: Ja.

 

Und, hast du die Wahrheit gesungen?

Ich habe teilweise von mir, teilweise über Erfahrungen von Freunden berichtet. Das, was der Ein oder Andere hier im Viertel schon mal erlebt hat!

Gibt es hier im GoT viel zu erleben?

Ja, viel Schönes und weniger Schönes.

Du erzählt im Lied, dass du viele Kumpel, aber wenige Freunde hast. Wie unterscheidet sich ein Kumpel von einem Freund?

Kumpel sind  Bekanntschaften. Man kennt sie nur oberflächlich, quasi nur vom Sehen. Ich habe schon Kumpels gehabt, die mich bei der Polizei verraten haben. Kumpels animieren einen, Scheiße zu machen! Die sagen, „Hey, das ist cool, mach mal weiter!“
 

Und richtige Freunde?

Richtige Freunde kenne ich von klein auf an. Die halten einen von Scheißgeschichten fern. Richtige Freunde trauen sich zu sagen: „Lass die Scheiße sein!“
 

Was für Geschichten sind das?

Ich sag mal so: Man  hat schon einige Sachen gemacht, um an Geld zu kommen (schüttelt den Kopf). Alles Mögliche. Ich habe schon vieles durchgemacht im Leben. Es ist nicht gerade die schönste Seite der Medaille. Bis jetzt habe ich nur eine Anzeige gehabt, Gott sei Dank.

Wie fing es mit dem Rappen an?

Das ganze fing damals mit Kumpels an, die ersten Joints geraucht und Hip Hop gehört, das fanden wir schon ganz cool. Man konnte sich mit den ganzen Sachen identifizieren. Die meisten Hip Hopper, Rapper, kommen aus sozial schwachen  Bereichen. Von daher, denk ich mal, passt das ganz gut zu mir.

Wo kommst du her?

Ich wohne mein Leben lang hier auf der Merowingerstrasse.

 

DU bist Kölner? Ich höre es nicht.

Mein Vater redet „ Kölsch“ zuhause. Ich kann das gut verstecken. Man hört diesen „Asi-Slang“ nicht raus. Wenn einer so Kölsch redet, dat hürt sisch schon e bische asi an (lacht) da kam der Kölsche gerade ein bisschen raus.

 

„Wir sind blind und laufen wütend durch die Gegend“, heißt es in einem deiner Titel. Worauf seid ihr wütend? Wieso blind?
Ich weiß nicht, worauf einige wütend sind. Ich finde es scheiße, dass uns immer vorgeworfen wird, dass wir keine Motivation haben. Wir würden nicht dafür kämpfen, etwas zu  erreichen. Wir wären alle faul und dumm und würden nur abhängen.

Werdet ihr in eine Schublade gesteckt?

Wir werden in eine Schublade gesteckt, in die wir eigentlich nicht rein passen. Ich zähle mich nicht dazu, weil ich denke, dass ich eine gewisse Intelligenz habe um was zu erreichen. Ich habe eine Ausbildung als Koch gehabt. Ich musste sie leider abrechen. Es lag nicht an mir, es gab Differenzen mit dem Arbeitgeber. Schade, aber man wird munter  in eine Schublade gesteckt, nach dem Motto: „Ah, die haben eh keinen Bock zu arbeiten“.

Von wem in eine Schublade gesteckt, von anderen Südstädtern?

Nein, von den Ämtern, von der Polizei. Letztens wurde ich  angehalten, weil ich eine Lederjacke anhatte, darunter ein schwarzes Oberteil,  es sah halt ein bisschen verbrecherhaft aus. Das hat gereicht, um mir vorzuwerfen, ich hätte Sachbeschädigung begangen.

Hier in der Südstadt?

Quasi noch Südstadt, am Fortuna Stadion. Es war eine Sauerei. Ich musste Fingerabdrücke machen, speichelprobe, Fotos machen, das ganze volle Programm.

Wieso denn?

Es war mitten in der Woche, spät nachts, wir waren unterwegs, wir hatten was getrunken bei einem Kumpel zu hause.  Der Vorwurf war, dass wir einen Autospiegel abgetreten hätten.

Und, habt ihr es getan?

Nein! Außerdem, die Polizei war so  schnell da. In der Zeit hätten wir es nicht machen können.

Weil ihr so ausseht und du eine Lederjacke anhattest, haben sie geglaubt ihr wärt es gewesen?

Genau, richtig!

Darüber musst du ein Lied schreiben!

(lacht) Ja, Warum nicht

Lieder schreiben kann befreiend sein.

Stimmt, das hat was total Befreiendes

„Wir sind das, was ihr Bastard die Asozialen nennt“

(Pierre lacht)

 

Ist das so? Werdet ihr die Asozialen genannt? Wieso? Du siehst nicht so aus.  

Es ist nicht so, dass wir Unschuldslämmer wären, man fällt schon auf. Wenn man am Wochenende unterwegs ist, mit seinen Jungs, dann poltert man ganz gerne rum. Man verhält sich in der Öffentlichkeit nicht so, wie die anderen es tun würden. Man schreit rum, der eine oder andere hat Bock, jemandem auf die Fresse zu hauen…

 

Was ist mit Dir?
Ich würde niemals auf wehrlose Leute losgehen. Manchmal kommt man aber in eine bedrohliche Situation  und muss Partei ergreifen. Ich provoziere nicht, lasse mich aber provozieren. Es geht ganz schnell, man ist in einem Club, einer guckt schief, der Kollege fühlt sich provoziert, sagt was, der andere kontert und dann nimmt es seinen Lauf.

Kann man sagen, dass du jetzt deine Wut mit deinen Liedern statt mit den Fäusten aussprichst?

Ja, aber ich mache nicht nur sozialkritische Texte. Ich schreibe auch Battle-Texte und reduziere auf imaginäre  Personen. Beim Hip Hop steckt immer dieses Maskuline dahinter, dieses „Ich bin besser als der andere!“ Man kann sich in verschiedenen Formen ausdrücken, die „MC“ (Masters of Ceremony = Rapper, Anm. d. Red.) rappen, es gibt Sprayer Contests (Graffiti-Wettbewerbe, Anm. d. Red.), die B-Boys, die „Breaker“ tanzen sich in Grund und Boden. Ich habe mich fürs rappen entschieden. Ich bin aber kein Freestyler. Ich schreibe lieber Texte mit Inhalt, Wortspiele, Vergleiche… Ich bin eher der lyrische Typ.

Seit wann schreibst du?

Seit ich 18 Jahre alt bin. Früher mit weniger Inhalt, alles so, wie soll ich es sagen, sehr grob, keine Technik. Der beste Spruch (lacht): „Ich ficke deine Mutter“, solche Sachen. Ich habe nicht drüber nachgedacht, nichts Tiefsinniges geschrieben, ich wollte einfach cool sein!

Wie war das damals?

Ich war auf der Hauptschule Großer Griechenmarkt. Ich habe die Schule nur bis zur 9. Klasse besucht und dann…

Was ist dann passiert?

(lacht)  Die Selbstfindungs-Phase war angesagt. Partys, Drogen, Frauen.

Bedauerst du das?

Nein, ich bin 23 Jahre alt und noch in der Blüte meines Lebens.  Ich bin zwar ruhiger geworden und habe gemerkt, dass man alt wird, von wegen zwei Tage hintereinander Party machen – ist nicht mehr drin.

Was bedeutet cool für dich heute?

Cool ist, wenn man mit 18 Jahren wirklich seine Schule gemacht hat, eine Ausbildung angefangen hat, oder wenn man Glück hat, sogar fertig ist mit der Ausbildung. Das ist für mich heute cool. Was ich gemacht habe war definitiv nicht cool.

Aber du dachtest, es wäre cool.

Richtig!

Du singst „Mein bester Freund ist auf Bewährung…“ 

Ja, schon hart. Er hat sich mit jemandem an der Bahnstation geprügelt. Wäre ich dabei gewesen… Ich bin so ein Typ, der eher deeskaliert. Bei einer Streitsituation mache ich auch gerne den großen Bruder und sage, „Hey, kommt Jungs, ist egal!“  Auch wenn man  in den Augen der anderen, ich in dem Fall, als der Schwächere dasteht. Hier geht es dann  so ab, die sagen „Hey, du Pussy, du Nutte, was bist du  für eine? Warum boxt du nicht mit denen?“  Ich meine was bringt uns das?

Du kannst  auch besser mit Worten boxen. Woran arbeitest du zurzeit?

Zurzeit mache ich mein zweites  Mixset. “ Für das Mix Tape habe ich schon sechs Songs fertig, es wird  „KROnisch Krank“ heißen. Wenn man die ersten drei Buchstaben nimmt, KRO, ist das mein Künstler Name „King Rap One“, deshalb „KROnisch Krank“, so heißt auch einer der Songs. Der coole Beat ist von Jones Man, einem deutschen Künstler. Das Feedback von den Leuten war: „Mann, das ist besser als das Original!“

Wo produzierst du dein Mix Tape?

Ich will es bei Nika hier im Jugendzentrum produzieren. Mit der Qualität kann man relativ gut leben. Momentan ist es die beste  Möglichkeit, die es für mich gibt.

Dann CD-Präsentation?

Es wird keine CD geben. Ich bin bei My Space. Das  ganze Solo Mix Tape wird über My Space laufen,  als Download.

Trittst du auf?

Ich habe letztens einen Auftritt im Luxor gehabt, auf Drum& Bass.  Das ist eigentlich gar nicht meine Musik, ich habe einem Kumpel einen Gefallen getan. Es war was ganz Neues für mich. Habe den MC gemacht, Texte mitgenommen, ein paar Freestyles gemacht. War ganz cool.

Wie fanden es die Leute?

Es ging, die Leute waren ziemlich betrunken, die haben es nicht gecheckt.

 

Als Rapper bist du ein Vorbild für die Jüngeren. Gibt es eigene Erfahrungen von denen du ihnen was beibringen kannst? Kannst du ihnen was mitgeben?
Das Leben ist ein Kampf. Wichtig ist, man sollte auf falsche Freunde verzichten, denn man wird von seinem Umfeld geprägt.

 

Wie finden deine Kumpels, deine Familie, dein Gesangstalent?

Mein Vater war früher in der Ur-Besetzung der Black Fööss.  Für den ist meine Musik keine richtige Musik. Manche Freunde finden es gut, andere wissen gar nicht, dass ich Musik mache. Schade, dabei macht man Musik, um gehört zu werden. Ich habe Probleme mit der Eigenvermarktung. Ich denke, es kommt von alleine, tut es aber nicht. Ich schreibe meine Texte, und dann hören es nur 200 Leute.

 

Im Lied erzählst du, dass du ein Ziel suchst? Hast du ein Ziel gefunden?

Nein. Ich hatte es gefunden. Mit der Ausbildung als Koch,- ein Traum-Job! Ich  habe mir meinen Arsch aufgerissen, von acht Uhr morgens bis zwei Uhr nachts gearbeitet, sechs Tage die Woche. Das ist leider vorbei.

Nach Abbruch der Kochlehre hast du dich um eine neue Lehrstelle beworben?
Ja, bei verschiedenen Restaurants, auch hier in der Südstadt. Doch weil ich keinen Abschluss vorweisen kann, klappte es nicht. Die Leute glauben, dass du dumm bist, wenn du keinen Abschluss hast.

Und aktuell? 
Ich habe mich bei einem Catering Service als Aushilfe und bei einer Fast Food Kette beworben. Zurzeit bin ich arbeitslos. Dadurch komme ich in diesen Trott rein. Auf die Vernachlässigung-Schiene, mit den Leuten abhängen, keinem Ziel zuzusteuern (nachdenklich). Es ist schwer, den Rhythmus wieder zu finden.  Aber dann sage ich mir, optimistisch zu denken ist besser als pessimistisch. Ich stecke in der Scheiße, und trotzdem, wenn ich nur da sitzen würde, dann… Ich mache lieber Musik.

 

Musik von Pierre – „King Rap One“ gib es unter: www.myspace.com/kingrone

 

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