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Kultur

„Und dann reden wir doch über ganz andere Sachen“

Montag, 9. September 2019 | Text: Nora Koldehoff

Geschätzte Lesezeit: 7 Minuten

„Im Kabarett“, sagt Martin Zingsheim, „muss man sich damit abfinden, dass nie etwas wirklich fertig ist. Kaum hat man ein Programm auf CD gebrannt, stellt man drei Wochen später fest: Jetzt wäre es genau richtig gewesen…“

Zweimal im Jahr gibt es in der „Comedia“ die politische Radioshow „Zingsheim braucht Gesellschaft“ – eine Mischung aus Talk-, Musik- und Kabarettshow, in der der gebürtige Kölner Zingsheim mit Gästen aktuelle politische und gesellschaftliche Themen diskutiert. Produziert wird die Live-Show vom Deutschlandfunk, der sie anschließend in seiner Kabarettsendung „Querköpfe“ an zwei aufeinanderfolgenden Mittwoch-Abenden sendet.

Gastgeber Martin Zingsheim hat ursprünglich Musikwissenschaften studiert – und lange Zeit gedacht, dass er mal Komponist werde – bis er dann feststellte, dass ihm das sehr akribische Arbeiten und Notenschreiben gar nicht liegt: „Ich bin dann abgerutscht in die Kabarett- und Comedyszene. Wie andere in die Drogenszene“, lacht er.

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„Das Kölsch ist kalt, der Kaffee heiß und unsere Theke gesellig.“ so beschreibt Wirt Peter „Pitter“ Mathissen sein Lokal. Kaum einen Steinwu…

Über die „Springmäuse“ kam er zum Dreier-Kabarettensemble „Bundeskabarett“ mit Sebastian Pufpaff und Henry Schumann. Als es sich auflöste, ging Zingsheim allein auf die Bühne, zunächst zum Austesten. Gleich nach den ersten fünfminütigen Probeauftritten wurde er gefragt, wann er denn mit seinem eigenen Programm beginnen wolle. „Leichtsinnig und adrenalingesteuert, wie ich bin“, erinnert er sich, „habe ich dann gesagt: April.“ Und schon gab es einen Premierentermin – und eine Motivation von außen. Auch das ist inzwischen einige Zeit her: Schon 2012 erschien in der Sendung „Querköpfe“ das erste Porträt von Martin Zingsheim.

Meine Südstadt: Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Deutschlandfunk?
Martin Zingsheim: Tatsächlich haben die freie Redakteurin Daniela Mayer vom Deutschlandfunk und ich zeitgleich die gleiche Idee gehabt. Ich rief an und sagte, dass die „Querköpfe“-Sendung toll ist – und man sie eigentlich ab und zu live auf die Bühne bringen müsste. Als ich das gesagt hatte, erwiderte sie: „Lustig: Hier liegt genau dieses Konzept auf dem Tisch. Und Dein Name steht drauf“. Das war mal wirklich Telepathie.

Wer sucht die Diskussions-Gäste aus?
Das ist ein Glücksfall: Ich kann ganz frei Vorschläge machen, wen ich alles gern dabeihätte. Und in der Regel sind wir auch da einer Meinung, denn wir wollen spannende, unterhaltsame Leute, musikalische Gäste – immer auch welche, die etwas zu sagen und eine eigene Sicht auf die Dinge haben. Und wir haben natürlich auch den Anspruch, die durchmischteste, jüngste und hochprozentig weiblichste Sendung zu sein. Wir haben – wie ich finde – einen tollen Schnitt an jungen Aktivist*innen, Politiker*innen, Stimmen, die man noch nicht schon vierzehn Mal die Woche bei Plasberg und Lanz gehört hat. Und ansonsten gehe ich da ganz subjektiv vor: Wer hat mich begeistert, angesprochen, irritiert in den letzten Monaten – und wer hat zum Thema, auf das wir uns vorher verständigt haben, etwas zu sagen. Es macht Spaß, sich im Hinblick auf die Gäste mit der Redakteurin zu „battlen“. Da führen wir heimlich Strichlisten, wessen Gastidee am besten aufgegangen ist …

Martin Zingsheim mit Lisa Catena, Diana Kinnert, Omid Nouripour und Bodo Wartke (v.l.) (Deutschlandradio)

Und die Programmgäste, also die auftretenden Künstler*innen?
Die kenne ich vorher immer alle – nicht unbedingt immer persönlich, oft aber schon. Man sieht sich ja eher selten, höchstens, wenn Fernsehen und Radio einen mal zusammen buchen. Einfach, weil man als Kabarettist extrem selten ins Kabarett geht. Wenn man mal einen Abend nicht spielt, kommt man auf alle möglichen Ideen, aber nicht unbedingt darauf, in Kabarett zu gehen. So habe ich die Luxussituation, dass ich mir in beiden Bereichen Gäste einladen darf, die ich selbst spannend finde – oder die ich gern auch mal wieder auf und hinter der Bühne sehen würde. Und man hat schon bei der Themenauswahl auf dem Schirm, wer da passenderweise für infrage kommt.  Denn es hat ja letztlich jede*r so drei bis vier Standardthemen, die man immer mit sich herumträgt. Und es gibt phantastische Kollegen, die auch ad hoc bereit sind, etwas zum entsprechenden Thema zu schreiben. Beim letzten Mal ist zum Beispiel Anni Hartmann spontan eingesprungen und hat noch innerhalb von zweieinhalb Tagen etwas zum Thema Grundgesetz geschrieben.

Wie wird die Show mit den Gästen vorbereitet? Ich kann mir vorstellen, dass nicht viel Zeit zum Proben ist…
Die meisten Gäste sind ja Talkgäste. Darauf bereite ich mich im Vorfeld so vor, dass ich in der Regel deren Bücher und Artikel gelesen habe. Dann schreiben Daniela und ich immer haufenweise Fragen auf – von denen ich dann allerdings in der Sendung meist exakt eine einzige stelle – weil sich der Rest sich aus dem Gespräch ergibt. Also rein theoretisch haben wir die ganzen Talks fertig, bevor die Gäste kommen. Und dann reden wir doch über ganz andere Sachen. Bei den musikalischen Gästen haben wir den Anspruch, dass wir ein, zwei Stücke mit der Band zusammenspielen.

Das muss aber dann schon geprobt werden, oder?
Ja schon. Ist aber spannend, weil wir uns zwar im Vorfeld mp3-Files hin und her schicken, aber oftmals erst am Tag des Auftritts das erste Mal treffen. Das letzte Mal kam Dota um 19.15 Uhr an, und dann haben wir bis zum Showbeginn um 20 Uhr noch schnell vier Songs geprobt. Für meine Bandkollegen ist es auch spannend, wenn sie zum Beispiel mal Konstantin Wecker vor sich haben und mit ihm spielen. Am Dienstag haben wir dann auch wieder ein, zwei Songs, die wir mit unserem Kleinkunstduo „Das Geld liegt auf der Fensterbank, Marie“ zusammenspielen werden.

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So bleibt es einerseits spannend, weil niemand einfach seinen Stiefel runterspielt und andererseits auch nicht in Stress gerät. Denn eigentlich ist es ja schön, mal mit Band zu spielen. Wir versuchen einen Kontext zu schaffen, der allen gerecht wird. Und dass die Politiker vielleicht mal was raushauen, was sie in einer handelsüblichen Talksituation nicht erzählen würden. Und uns gegenseitig mal ein bisschen aus der Reserve zu locken und mal was Neues auszuprobieren.

Stimmen die auftretenden Künstler ihre Beiträge im Vorfeld ab?
Ja, wir stimmen uns ein bisschen ab – und unsere Bitte ist es, dass sie ein bisschen entlang des Themas arbeiten. Was die meisten dankenswerterweise auch tun. Trotzdem würden wir niemals den Kolleginnen und Kollegen wortgetreue Skripte abverlangen. Zumal man ja weiß, dass man es während des Auftrittes doch wieder ein bisschen anders gestaltet.

Fühlst Du Dich in Deinen Shows immer wohl, oder gab es auch Situationen, in denen Du Sorge hattest, dass etwas entgleist?
Also vor zweieinhalb Jahren bei der allerersten Show, da war es so, dass ich in der Nacht davor Vater geworden bin. Da war ich schon ziemlich fertig mit den Nerven. Da bin ich dann schon in der zweiten Showhälfte energetisch nicht mehr ganz „online“ gewesen. Ansonsten fühle ich mich schon sehr wohl. Das rast immer ziemlich an mir vorbei, weil soviel auf einmal passiert. Ich habe die Kollegen aus dem Ü-Wagen über Funk auf dem Ohr, Publikum und Band im Blick, habe auf dem Schirm, wer als nächstes dran ist, wie lange der Talk jetzt schon läuft. Ich bin schon gut beschäftigt. Aber auf einem ganz hohen Euphorie- und Adrenalin-Level. Was ich gerne mag.

Die eigenen Programme spielt man ja so oft, die macht man irgendwann schon ein wenig im Freiflug. Das ist bei den Talkshows eben nicht so. Aber die Sendung kommt mir sehr entgegen: mit Kabarett, Musik und Talk, mit relevanten Themen, aber auch nicht mit tödlichem Ernst. Das ist schon nach meinem Geschmack gestrickt.

Und umso schöner, dass es so gut zusammenpasst und die Themen, die mich interessieren, auch die sind, die die Deutschlandfunk „denkfabrik“ interessant findet und sich so sehr effektive Synergieeffekte bilden.

Gibt es Vorkommnisse während der Shows, die besonders in Erinnerung geblieben sind?
Ja: Mir ist schon ein wenig der Hintern auf Grundeis gegangen, als Gregor Gysi anfing, nach dem zweiten Glas Wein über das Deutschlandfunk-Sofa zu lästern, weil es unbequem sei. Ein großer Moment war dann, als sich Bosbach und Gysi schallend lachend in den Armen lagen und rumschäkerten, wie zwei alte Freunde.

Kam das unerwartet?
Ein wenig hatte ich schon damit gerechnet. Ich hatte natürlich einen Respekt im Vorfeld, weil ich ein absolutes Nachwuchshäschen im Talkgeschäft bin und die beiden zwei alte Hasen. Wir hatten uns vorgenommen, die Sendung zu schaffen, ohne dass die beiden sie komplett übernehmen. Und ich dann nicht mehr eingeladen werde. Aber man merkt eben: Absolute Vollprofis.

Und ich erinnere mich, dass wir am Abend vorher schon mit Uta Köbernik geprobt haben, die meine Lieblingskabarettistin überhaupt ist. Und zu sehen, wie Uta glücklich darüber ist, mit der Band spielen zu können, hat uns schon sehr froh gemacht.

Ist die Band auch die, die das Soloprogramm begleitet?
Ja. Es gibt ein Programm mit Band, das wir nur so sechs, sieben Mal im Jahr spielen, weil die Bandmitglieder alle auch anderweitig beschäftigt sind. Aber es sind alles Weggefährten, die ich mehr als zehn Jahre kenne. Und die die Begabung haben, dass sie keine Noten oder ausgefeilten Kompositionen von mir erwarten, sondern wir das im Freiflug proben, absprechen und sie sich das alles so merken. Und die die drei einzigen mir bekannten Musiker sind, die perfekt auf Gag spielen können. Das kann eigentlich kaum jemand, der eigentlich Musiker ist, aber sie haben ein ganz tolles Verständnis dafür, wie Kabarettnummern funktionieren müssen. Und der Schlagzeuger ist ein absolutes Tier. Ich mag die Deutschlandfunk-Hymne, aber ohne Klaus an der Trommel wäre das schon mit deutlich weniger Euphorie verbunden.

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Die Radioshow ist ein Projekt, das nur an zwei Abenden im Jahr stattfindet, aber auch eines, das einen in der Hochphase zwei Wochen vorher schon sehr beschäftigt, weil wir proben, die Songs und Moderationen geschrieben werden müssen und man sich auf die Gäste vorbereitet.

Sarah Bosetti, Konstantin Wecker, Ria Schröder, Thomas Schreckenberger, Nicole Johannhanwahr, Martin Zingsheim, Martin Weber und Claus Schulte (Deutschlandradio)

Wird immer nur eine Show geplant, oder gibt es auch schon Planungen für die nächsten?
Wir haben immer ein paar Themen auf dem Zettel. Geplant wird aber konkret immer nur die nächste Sendung und für die übernächste mitüberlegt. Und nach der Vorstellung wird schon wieder die nächste geplant. Bei den politischen Gästen planen wir auch meist etwas kurzfristiger, weil wir möglichst nah an der Newslage sein wollen. Abgesehen davon, dass man manchmal nicht weiß, wer nach einem halben Jahr noch welchen Job hat … Das ist in der Kabarettszene deutlich verlässlicher als in der Politik, denn bei den Kabarettistinnen und Kabarettisten ist es eigentlich genau andersrum: Am besten man fragt schon zwei Jahre vorher an, weil wir alle so weit voraus verplant sind.

Für die politische Entwicklung gilt jedoch, dass man auch nicht zu viel und zu weit im Voraus planen darf. Wir führen aber natürlich Vorgespräche. Und ich empfinde da auch das Radio als deutlich lässiger, als das Fernsehen. Wenn im Moment der Show jemand meint, noch etwas ganz anderes äußern zu müssen, dann ist das so.

 

***

Nächster Termin „Zingsheim braucht Gesellschaft“
Dienstag, 10.09.2019, 20 Uhr
COMEDIA Theater, Roter Saal

Alle reden über das Klima. Endlich!

Gäste: Kabarettistin Anka Zink, das Musikduo „Das Geld liegt auf der Fensterbank, Marie“, Kabarettist René Sydow, Netzaktivistin und Bloggerin Katharina Nocun und Sarah Harden von der Jungen Union.

Die Sendung kann man sich auch auf Video anschauen oder in der DLF-Audiothek-App oder auf der Deutschlandfunk-Website nachhören.

 

 

Text: Nora Koldehoff

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