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Kultur

Das Leben ist ein Wunder…

Donnerstag, 24. März 2011 | Text: Aslı Güleryüz | Bild: Dirk Gebhardt

Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten

…sagt Zülfü Livaneli nachdem er dreimal in der Türkei inhaftiert, gefoltert, gedemütigt, verfolgt worden ist. Nach 12 Jahren im Exil kam er zurück und brachte es sogar bis zum Parlamentarier. Alles im gleichen Land……ja, das Leben ist ein Wunder!

Dienstagabend in der Comedia. Der Saal ist ausverkauft. Vor dem Saal stehen noch einige Menschen. Die Einen versuchen verzweifelt, ein Ticket zu kaufen und die Anderen versuchen, eines zu verkaufen. An diesem Abend liest Mario Adorf aus der Biografie des türkischen Musikers, Filmemachers, Kolumnisten und Schriftstellers Zülfü Livaneli.

Ich erwarte, sehr viele türkisch-stämmige Menschen im Publikum zu sehen. Ich bin mir sicher, auch viele meiner türkisch-stämmigen Freunde hier zu sehen. Einige wenige sind auch gekommen, um einen wichtigen Intellektuellen der Türkei live zu sehen. Wir waren schließlich mit seiner Musik groß geworden! Ich konnte fast alle Texte auswendig. Als ich den Saal betrete, bin ich überrascht beim Anblick des Publikums: ganz normales lit.cologne-Publikum, nicht sehr viele Türken. Warum sind die alle hier? Für wen sind die gekommen?

Mit einer mediterranen Verspätung geht es los, und Edmund Labonté lädt die Gäste auf die Bühne ein. Als erstes begrüßt er herzlich den Autoren Zülfü Livanelllli und macht aus dem Türken einen Italiener. Applaus! Als nächstes betritt der Moderator Osman Okkan die Bühne. Applaus! Und schließlich kommt der Vorleser Mario Adorf hinzu. AAAApplaauuuuusssss! Ahaaa, jetzt verstehe ich, für wen sie alle gekommen sind!
In einer Einleitung erzählt der 65-jährige Autor von den Hintergründen seiner Geschichte, die auch gleichzeitig die Geschichte eines ganzen Landes ist. Eine Geschichte leider, die vielen links-orientierten Menschen Ende der 60’er und Anfang der 70’er in der Türkei ähnlich widerfahren ist. Livaneli ist als Verleger von Büchern mit links-politischen Inhalten in Ankara tätig. Er wird verfolgt, verhaftet, gefoltert. Im März 1971 gelingt ihm die Flucht über Deutschland nach Schweden.


Mario Adorf / Foto: Dirk Gebhardt

 

An dieser Stelle setzt Mario Adorf an und beginnt zu lesen. Er trägt den Text vor, er bringt ihn zum Leben – lesen wäre zu banal formuliert! Ein Profi eben! Mir fällt sofort auf, wie sorgfältig er die türkischen Namen ausspricht. Wie lange er das wohl einstudiert hat? Diese Zungenbrecher kommen ganz geschmeidig aus seinem Mund.

Nach dem Vortrag kommt es zu einer Diskussion auf dem Podium und Livaneli erzählt Anekdoten aus seinem Leben, die das Publikum zum Lachen bringen. 1984 war er aus dem Exil in die Türkei zurückgekehrt als gefeierter Musiker. In seiner Abwesenheit waren seine Volkslieder zu Symbolen der Revolution geworden. Die Texte seiner Musik thematisierten die politische Lage des Landes, seine eigene Sehnsucht nach seiner Heimat und die Einsamkeit im Exil. Viele Gedichte von Nazim Hikmet – einem anderen türkischen Schriftsteller, der im Exil in Russland gelebt hatte – vertonte Livaneli sehr erfolgreich.

Offen bekennt Livaneli, sich in die türkische Politik verirrt zu haben, und dass dies ein Fehler gewesen sei. Die Türkei ist ein sehr komplexes und kontroverses Land, hat sich aber in den Jahren nach dem letzten Putsch sehr schnell entwickelt im Demokratisierungsprozess. Livaneli berichtet davon, dass es in seiner Jugend strengstens verboten war, auch nur das Wort „Kurde“ in den Mund zu nehmen, geschweige denn von „Kurdistan“ zu sprechen. Heute, sagt er, diskutiert man in der Türkei jedes Thema auch öffentlich. Die Spaltungen der rechten und linken Parteien führten dazu, dass sich neue Gruppen gebildet haben: die türkischen Nationalisten, die kurdischen Nationalisten und islamistische Strömungen. Die Probleme der Türkei in der Gegenwart.

Zülfü Livanli sagt: „Das Leben ist ein Wunder!“ und betont, dass er trotz allen Schwierigkeiten und traurigen Momenten ein glückliches Leben führt. Er sei dankbar, auch um die Jahre im Exil, in denen er viele wichtige Menschen kennenlernen durfte, die sich zu Freunden entwickelten.

Die Marathon-Veranstaltung dauert fast drei Stunden. Nach der Lesung freue ich mich auf mein Gespräch mit Mario Adorf! Ich bin total aufgeregt und vergesse die Hälfte meiner so gut vorbereiteten Fragen! Wie oft passiert es jemandem schon, neben Mario Adorf zu sitzen?

 


Mario Adorf und Asl? Güleryüz / Foto: Dirk gebhardt

 

Herr Adorf, Sie sprechen aber gut Türkisch! Wie lange haben Sie gebraucht, die türkischen Namen so gut auszusprechen?
Danke! Einige Fehler gab es aber schon. Ich habe mich ein paar Mal vertan. 15 Minuten vor der Veranstaltung hat der Moderator mir erklärt, wie die Namen ausgesprochen werden!
(Er lacht und lehnt sich vor, um mich bei der Geräuschkulisse besser verstehen zu können)

Könnten Sie es sich vorstellen, einen türkischen Halunken, in einem Film von Livaneli zu spielen? Drei Türken haben Sie in Ihrer Karriere bereits dargestellt!
Warum nicht? Aber seit ich nicht mehr schwarze Haare habe, sondern weiße, will mich keiner mehr als Halunke. Ich sehe zu lieb aus.

Kannten Sie Zülfü Livaneli schon länger?
Nein. Ich habe ihn heute kennengelernt. Das Buch hatte ich schon gelesen.

Was ist Ihr nächstes Projekt?
Ich arbeite zusammen mit einem französischen Autoren an einem Buch. Es wird auch etwas erotisch sein (er schmunzelt und lächelt sein berühmtes freches Lächeln). Ich habe in vielen Ländern gelebt. Viel in Rom, München. Doch jetzt bin ich hauptsächlich in Frankreich, in Saint Tropez.

Bei der Verabschiedung fragt Mario Adorf mich, ob er mich umarmen dürfe! Was glaubt Ihr, was ich geantwortet habe? Und wir küssen uns auf die Wangen! Das war der Höhepunkt des Abends! Aber eines verzeihe ich dem überaus charmanten Mario Adorf trotzdem nicht: Dass er Winnetous Schwester Ntscho-Tschi erschossen hat! Old Shatterhands Leben hätte komplett anders verlaufen können!

Zülfü Livaneli: „Roman meines Lebens“
Klett-Cotta, 2011
364 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
22,95 Euro
ISBN 978 – 3 – 608 – 93894 – 1

 

Text: Aslı Güleryüz

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